Die Ordnung des Sonderpädagogischen: Hegemoniale Erzählungen und subversive Geschichten
摘要
Die Sonderpädagogik stützt sich in ihrem disziplinären Selbstverständnis auf das Metanarrativ der Aufklärung. Dabei wird die eigene Geschichte des Fachs als Erfolgsgeschichte erzählt, die ihren Anfang findet in der „Entdeckung der Bildbarkeit Behinderter“ (Ellger-Rüttgardt und Tenorth 1998) und deren Gründungsnarrativ auf dem Begriffskonzept der „Seelenschwäche“ beruht (Moser 2012). In ihrem Begründungszusammenhang setzt die Disziplin zu einer eigenen großen Erzählung an, die von einer besonderen pädagogischen, der „sonderpädagogischen“ Förderbedürftigkeit ihrer Klientel handelt. Diese vermeintliche „Erfolgsgeschichte“ wird aus einer innerfachlichen Position kaum hinterfragt (vgl. kritisch dazu Jantzen 2010, S. 20), denn sie legt den Grundstein für das „System Sonderpädagogik“ als Trias aus Profession, Institution und Disziplin. Im sonderpädagogischen Narrativ begründet liegt der Eigenanspruch auf die Deutungshoheit und die Zuständigkeit für Fragen der Erziehung und Bildung bei „Behinderung“ und „sonderpädagogischem Förderbedarf“. Die wissenschaftlichen Erzählungen ermöglichen es der Sonderpädagogik, als diskursive und erziehungspraktische Ordnungsmacht in Erscheinung zu treten. Das evoziert grundlegende Fragen, etwa, wer hier als Erzähler auftritt, von welcher Position aus und mit welchen Absichten – und vor allem: welche Geschichten unerhört bleiben und welche Erzählungen gar nicht erst zugelassen werden. In den folgenden Ausführungen wird untersucht, wie die sonderpädagogischen Diskurspraktiken ihren Teil zu den wissenschaftlichen hegemonialen Erzählungen beisteuern und somit ein Machtdispositiv ausformen, das koloniale Herrschaftsinteressen unterstützt. Kritisch hinterfragt wird auch die Rolle, die dem sonderpädagogischen Narrativ der Evidenzbasierung in diesem Zusammenhang zukommt.