Die Diskussionen über die gesellschaftliche Realität und deren Untersuchung in den Verhandlungen der Soziologentage während der Weimarer Republik
摘要
Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS), 1909 gegründet und nach dem Zweiten Weltkrieg neu gebildet, war eine sich selbst so definierende Gelehrtengesellschaft mit dem „Zweck, den Gedankenaustausch zwischen den Mitgliedern zu fördern und von Zeit zu Zeit Soziologentage zu veranstalten“. Diese nicht weiter ausgeführte Aufgabe verführte die aus unterschiedlichen erkenntnistheoretischen Richtungen an der Etablierung und Entwicklung der Soziologie zu Beginn der Weimarer Republik interessierten Teilnehmerinnen und Teilnehmer, um die „richtige“ Definition der Soziologie zu streiten. Ferdinand TönniesTönnies, Ferdinand und Leopold von Wiese, Präsident der DGS und Schriftführer während der gesamten Weimarer Republik, vertraten von der ersten Versammlung 1922 an die formale Soziologie als die „reine“ Soziologie. Im Laufe der Verhandlungen 1922, 1924, 1926, 1928 und 1930 setzte der Schriftführer Leopold von Wiese mit Unterstützung Ferdinand Tönnies beharrlich durch, dass die von ihm entwickelte, der formalen Soziologie zuzurechnende Beziehungslehre in der Diskussion gegenüber marxistischen Ansätzen, beispielsweise Max Adlers, aber auch anderen Ansätzen langsam und gegen deren Widerstand als vorherrschende Richtung in der DGS übernommen wurde. Leopold von Wiese meinte, die Soziologie der Beziehungslehre könne in die gesellschaftliche Realität eingreifen, wenn sie über solche Kenntnisse des menschlichen Verhaltens verfüge, die zeitlos „das Wesen“ der zwischenmenschlichen Beziehungen erfasse. Empirische Einzeluntersuchungen dienten nach von Wiese und Tönnies als nicht ausreichende Grundlage, allgemeingültige Begriffe über die Realität entwickeln zu können. Die realen, aktuellen gesellschaftlichen Ereignisse der Weimarer Republik erfassten die Debattenredner in nur wenigen Verhandlungen, die zum Teil aber die gesellschaftspolitische Situation sehr sensibel wiedergaben. Überwiegend drehten sich die Debatten jedoch um auf unsystematische Weise erhobene, nur beispielhaft die aktuelle und historische Realität beschreibende Aussagen zwischenmenschlicher Verhaltensweisen und um Methodendiskussionen, die zu Begriffen des zwischenmenschlichen Verhaltens führen sollten. Zu gemeinsamen Stellungnahmen über einen Zustand oder gar eine zu treffende politische Maßnahme kamen die Debatten nicht.