Praxis, die zur Wissenschaft drängt: Zum Verhältnis von Sozialpädagogik und Psychologie im Österreich der Zwischenkriegszeit
摘要
Der vorliegende Text thematisiert die Frage, ob und wie die in theoretischer Hinsicht an der Psychoanalyse orientierten sozialpädagogischen Erziehungsexperimente von Siegfried Bernfeld (Kinderheim Baumgarten) und August Aichhorn (Erziehungsanstalt Oberhollabrunn) in der Zwischenkriegszeit Nachwirkungen entfaltet haben. Möglichen Spuren wird auf verschiedenen Diskursebenen nachgegangen. In Bezug auf die Psychoanalyse wird daran erinnert, wie diese sich im Kontext der psychoanalytischen Pädagogik in Wien um die Fortbildung von Praktikerinnen und Praktikern (Lehrerinnen und Lehrern, Kindergarten- und Sozialpädagoginnen und -pädagogen etc.) angenommen hat, ehe sie der ihr als institutionalisierte „Bewegung“ inhärenten Tendenz zur Selbstbeschränkung auf Psychotherapie endgültig erlegen ist. Nur sehr oberflächlich wurde Bernfelds Konzept der Massenerziehung im Diskurs der sozialistischen Erziehung rezipiert – ein Diskurs, der wiederum losgelöst von der Politik der Schulreform geführt wurde. Trotz Aichhorns Tätigkeit im Jugendamt der Stadt Wien muss bezweifelt werden, dass seine bahnbrechende Arbeit über die „verwahrloste Jugend“ innerhalb der Praxis der öffentlichen Jugendwohlfahrt ihr humanes Potential auch nur ansatzweise entfalten konnte. Unmittelbar beeinflusst hat die sozialpädagogische Praxis allerdings die am Wiener Psychologischen Institut unter Karl und Charlotte Bühler vertretene Jugendpsychologie. Paul Lazarsfeld hat in seinen Studien über die berufstätige Jugend in Anlehnung an Bernfelds Konzept der gestreckten Pubertät des Jugendführers von einer „verkürzten Pubertät“ der proletarischen Jugend gesprochen und diese Formel als eine Art sozialpsychologische Operationalisierung des politischen Konzepts der „Ausbeutung“ verstanden.