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Gerechtigkeit

  • Max Haller

摘要

 Gerechtigkeit ist ein eigentümlicher Grundwert: zwar wird er weithin als wichtig angesehen; wenn es aber darum geht konkret zu bestimmen, was gerecht und was ungerecht ist, gehen die Meinungen weit auseinander. Während in Antike und im Mittelalter Gerechtigkeit noch als eng verknüpft mit einem geordneten Gemeinwesen gesehen wurde (gerecht handelt, wer seine Pflichten erfüllt), wird die Idee in der Neuzeit auf zwischenmenschliche Beziehungen übertragen (etwa im Begriff der Tauschgerechtigkeit).  Bald stehen sich zwei unvereinbare Positionen gegenüber: die radikal-libertäre Position, für welche Freiheit immer Vorrang vor Gerechtigkeit hat, und die sozialistisch-egalitäre, bei der die umgekehrte These gilt. Einen Kompromiss zwischen beiden stellt die liberale Gerechtigkeitstheorie von Rawls dar, die jedoch auch nicht wirklich angeben kann, was als gerecht und ungerecht anusehen ist. Als alternative, soziologische These werden hier Ungerechtigkeiterfahrungen eingeführt: Sie bringen die objektiven Strukturen sozialer Ungleichheit zu sozialem Bewusstsein und führen zu Kritik an sozialen Verhältnissen bis hin zu Revolutionen. Der direkte Schluss von objektiven Strukturen auf deren Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit ist dagegen problematisch, wie am Beispiel des Einflusses von Marx auf die Arbeiterbewegung gezeigt wird. Ungerechtigkeitserfahrungen waren das Leitmotiv in den Bestrebungen zur Lösung der sozialen Frage und sie stellen auch wichtige Determinanten des persönlichen Verhaltens und sozialer Prozesse in Kleingruppen dar. Das Kapitel schliesst mit einer Diskussion der Frage, inwieweit die repräsentative Demokratie die politischen Grundwerte der Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit verkörpert. Dabei werden eine Reihe von Defiziten und neuen Problemen benannt (Medienkonzentration, ungleiches Gewicht verschiedener Verbände, unzureichende Chancen der Partizipation). Schließlich werden Argumente dafür vorgebracht, die für Chancen der Demokratisierung der heutigen autoritären Systeme sprechen.