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Der Engel der Geschichte im Posthistoire. Walter Benjamins ‚geschichtsphilosophische Thesen’ zwischen Bild und Begriff, Literatur und Wissenschaft

  • Martin Jürgens

摘要

Wie Wolf Lepenies in seinem Buch Die drei Kulturen eindrucksvoll zeigt, entwickelte sich das Selbstverständnis der Soziologie in Deutschland im Spannungsfeld zwischen Literatur und Wissenschaft, zwischen ‚Verstand‘ und ‚Gemüt‘, ‚Untersuchung‘ und ‚Darstellung‘; für die deutschen Verhältnisse kam eine (nicht nur latente) Aversion tonangebender Dichter (virulent z. B. im George-Kreis) gegen die ‚Literaten‘ hinzu. Es war Walter Benjamin, der solche weltanschaulich grundierten Affekte kritisierte: Frankreich sei glücklich zu schätzen, weil es diese Trennung nicht akzeptiere. Dass Benjamin selbst sich mit seinem Werk nicht nur souverän jenseits solcher Gegensätze bewegte, lässt sich an Hand seiner ‚geschichtsphilosophischen Thesen‘ von 1940 zeigen. Der Titel «Über den Begriff der Geschichte» legt zwar die Erwartung nahe, der Text lasse sich als eine Folge von Begriffsmanövern lesen. Der Text selbst jedoch ruft immer wieder Bilder auf: das Bild vom Tisch mit dem geschickt verborgenen Schachspieler, «das Bild vom Glück, das wir hegen», das aufblitzende «wahre Bild der Vergangenheit», das Bild vom Triumphzug der Sieger mit den Kulturgütern als Beute. Im neunten Abschnitt schließlich kommt Walter Benjamin auf das von ihm selbst 1921 erworbene Bild «Angelus Novus» von Paul Klee zu sprechen; er versieht es mit einer kühnen, halbseitigen Bildlegende, erfüllt von der Erfahrung der damaligen geschichtlichen Katastrophe, die ihn selbst bedrohte und in der der «Engel der Geschichte» ohnmächtig in eine Zukunft getrieben wird, «der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst.» In einer Zeit, in der Ohnmachtserfahrungen zunehmen und ein endgültiges Posthistoire sich in Umrissen abzuzeichnen scheint, könnte eine genaue Wahrnehmung der Bewegungen der ‚geschichtsphilosophischen Thesen‘ zwischen Bildern und Begriffen, Literatur- und Wissenschaftssprache eine Erkenntnisqualität entdecken, «eine unbekannte Lebendigkeit», die es (um eine Formulierung Robert Walsers zu zitieren) «eine Freude sei zu wecken.» Mit und in ihr könnte sich der «Anspruch auf Sinnproduktion» neu beleben, von dem im letzten Satz des Buches von Wolf Lepenies die Rede ist. – Ob damit bereits ein Erwartungshorizont in den Blick kommt, den man mit einiger Euphorie ‚messianisch‘ nennen könnte, kann bis auf weiteres offen bleiben.