Wahrnehmung, soziale
摘要
Soziale Wahrnehmung ist der u. a. durch Hypothesen, Erwartungen, Werte, Normen, Interessen und Emotionen, aber auch durch direkte Einflussnahme anderer Personen gesteuerte Prozess der subjektiven Repräsentation äußerer Gegebenheiten. Menschen sind aufgrund ihrer biophysischen Natur nicht in der Lage, alle Umweltreize aufzunehmen. Wahrnehmung ist deshalb bereits auf einer ersten Stufe – bedingt durch die Art, Kapazität und Funktionstüchtigkeit der Sinnesorgane – selektiv. Aus der Vielzahl von wahrnehmbaren Umweltreizen muss zudem kognitiv ausgewählt werden, um Orientierung und Verhaltenssicherheit zu geben. Dies bedingt eine fundamentale Weltoffenheit wie sie in der philosophischen Anthropologie von Arnold Gehlen (1904–1976) vertreten wird. Soziale Wahrnehmung umfasst die Urteilsbildung über sich selbst, über andere Personen oder über Gruppen als Ergebnis interner kognitiver Mechanismen und sozialer Interaktionen. Hierbei spielen soziale Faktoren wie Sozialisation und Selbstkonzept, Einstellungen, Motive und Emotionen, aber auch soziale Vergleichsprozesse eine wichtige Rolle. Klassische Experimente in dieser Tradition liefern Muzafer Sherif (1906–1988) und Solomon Asch (1907–1996) in den 1930er- bis in die 1950er-Jahre, die aufzeigen, wie einfache Wahrnehmungsaufgaben durch die Urteile anderer Personen verändert (und verfälscht) werden (Bless et al. 2004; Fiske und Taylor 2008). Die Wahrnehmung kann durch eine Fülle sozialpsychologischer Prozesse beeinflusst und verzerrt werden (fundamental attribution error, minimal-group-paradigm, primacy vs. recency effect, etc.). Soziale Urteile werden dabei unter Zuhilfenahme von Schemata, Stereotypen, Prototypen oder Skripten gefällt. Diese Strukturen sind sozial verankert und Ergebnis interpersoneller Lernprozesse. Die aktivierten Schemata oder Skripte bestimmen, welche Informationen überhaupt aufgenommen und wie sie interpretiert werden. Sie sind an Rollen und Situationen geknüpft, werden erlernt und erleichtern generell soziale (Inter-)Aktionen, da sie eine Lösung des Problems der doppelten Kontingenz darstellen. Diese Selektion führt schließlich zu einer Vielzahl subjektiv wahrnehmbarer Wirklichkeiten. Ist die Differenz zwischen Schemainformationen und wahrgenommener Realität zu groß, werden Mechanismen der Wahrnehmungsabwehr beziehungsweise -uminterpretation eingesetzt (Balance-Theorie, Theorie der kognitiven Dissonanz). Erkenntnistheoretisch wird deutlich, dass Positionen des naiven Positivismus, wie sie zum Teil in der Praxis der empirischen, aber vor allem auch der qualitativen Sozialforschung zu beobachten sind, ebenso jeder Grundlage entbehren wie radikal konstruktivistische Positionen.