Obdachlosigkeit und die Frage nach dem Wohnen in der Zukunft – Vom Weniger an Vielem zu einem Mehr im Ganzen
摘要
Medial verbreitete Vorstellungen von Obdachlosigkeit folgen oft holzschnittartigen Simplifizierungen. Als Spiegel existenzieller Not sind sie das Andere bürgerlicher Wohnideale. Werden die Orte des Wohnens als Bühnen alltäglicher Choreographien des Lebens betrachtet, rücken auch Obdachlose als Wohnende in den Fokus, wenn auch nur im Format einer minimalistisch-existenziellen Schrumpfform. Lebenspraktisch erweist sich ihr spezielles Semi-Wohnen als erzwungene Übung des Lebens mit dem Wenigsten. Aber es ist gerade der Blick auf die obdachlose Existenz, in dem sich das Wohnen im Allgemeinen so scharf kontrastiert – allzumal unter der Bedingung global kippender ökologischer Großsysteme. Mit anderen Worten: Was macht aus der (theoretischen) Perspektive der Obdachlosigkeit das Wesen des Wohnens aus? Die nicht nur aktuelle, sondern andauernde Unterausstattung mit dem Nötigsten provoziert die Frage nach den Bedürfnissen derer, die nach bürgerlichen Normen wohnen, streben sie doch nach immer „besseren“ und exklusiveren Häusern und Wohnungen. Nur in raren Ausnahmesituationen akzeptieren sie die Beschränkung oder den Verzicht auf Gewohntes zugunsten verbesserter Aussichten auf ein behagendes Wohnen auch in der Zukunft. Angesichts einer weltumspannenden Krise im Mensch-Natur-Verhältnis impliziert die chronische Mangelsituation obdachloser Lebensformen den Imperativ, das „normale“ Wohnen einer radikalen Zivilisationskritik zu unterwerfen. Schon die unbedachte Prolongierung nur „relativ“ komfortablen Weiterwohnens wirft verdunkelnde Schatten in eine unsichere Zukunft. Im existenzphilosophischen Blick überrascht das Leben im Mangel dann mit einer „Stärke“.