Praxistheorie in den Internationalen Beziehungen
摘要
Praxistheorien bilden in den Internationalen Beziehungen eine Forschungsperspektive, die zunehmend an Bedeutung gewinnt. Die Hinwendung zu (internationalen) Praktiken als zentraler theoretischer Kategorie und empirischer Untersuchungseinheit verdeutlicht sowohl die mit dem Konstruktivismus begonnene sozialtheoretische Öffnung als auch die intensivere Beschäftigung mit interpretativen Forschungsmethoden innerhalb der Disziplin. Ein praxistheoretischer Zugang in der internationalen Politik interessiert sich dafür, wie es Gruppen und Gemeinschaften gelingt, durch ein praktisches Verständnis, ein verkörpertes, implizites Wissen und eine regelmäßige kompetente Ausführung von Praktiken eine relationale soziale Ordnung aufrechtzuerhalten bzw. neu hervorzubringen. Das alltägliche Praxisgeschehen der internationalen Politik und die darin zu beobachtenden und ausgeführten Praktiken werden damit zum Untersuchungsgegenstand. Praxistheorien sehen den Ort des Sozialen damit weder in Interessen und Normen noch allein in Symbolsystemen oder direkter Kommunikation, sondern vor allem in geteilten Praktiken. Diese gelten als Triebfeder von Ordnungsbildung und Wandel, wodurch gängige Dualismen wie die Trennungen von Akteur*in und Struktur, Subjekt und Objekt, Normen/Regeln und ihre Anwendung, Mikro- und Makroperspektive sowie das Individuum und die Gesellschaft überwunden werden. Der Beitrag stellt drei dominante Stränge in der gegenwärtigen Theoriediskussion vor und verdeutlicht anhand von Beispielen deren Anwendungsmöglichkeiten in empirischer Forschung. Abschließend werden konzeptionelle und methodologische Herausforderungen diskutiert und kritisch reflektiert.