Die Frage, was wir eigentlich tun und welche Folgen es hat, wenn wir zusammen mit anderen handeln, steht im Zentrum der im folgenden Abschnitt versammelten Theorien. Seit Max Weber suchen soziologische Denkansätze das Soziale immer auch auf der Ebene des menschlichen ‚Handelns‘. Webers Bestimmung der Soziologie als derjenigen Wissenschaft, die soziales Handeln „deutend verstehen“ und dadurch „ursächlich erklären“ will (Weber 2013, S. 149), fehlt in keinem Lehrbuch des Fachs. Mit dieser Unterscheidung von ‚Verstehen‘ und ‚Erklären‘ nahm Weber zeitgenössische philosophische Diskussionen auf – die des südwestdeutschen Neukantianismus und die auf Wilhelm Windelband zurückgehende Unterscheidung von nomothetischen und idiografischen Wissenschaften. Gegenüber einer Wissenschaft, die universelle Gesetze formuliert, also nomothetisch verfährt, wird die Soziologie hier als jene Disziplin begründet, die singuläre Phänomene oder Ereignisse beschreibt und interpretiert – dadurch aber ihrerseits auch zu historisch-kausalen Erklärungen kommt. Den Begriff des Verstehens brachte Weber dabei gegen positivistische Vorstellungen von Soziologie in Stellung, in denen – bei Auguste Comte und Herbert Spencer, im Anschluss an diese auch bei Durkheim – die Vorstellung vorherrscht, die Soziologie habe die Gesetze des Sozialen zu entdecken (vgl. u. a. Lichtblau 2001). Den Begriff des Erklärens wiederum setzte Weber ein, um zugleich jeder Form des Psychologismus, also der Rückführung des Handelns auf innerpsychische Abläufe oder rein subjektive Erwägungen zu widersprechen. Weder folge die soziale Wirklichkeit universellen Gesetzen, noch lasse sie sich aus ‚objektiven‘, jenseits der Individuen stehenden Strukturen oder Institutionen ableiten, noch aus rein Subjektivem. Unternehmen, Bürokratien, Wirtschaftsweisen, Kriege usw. sind vielmehr die Folge typischer ‚individueller‘ Motive und Handlungsweisen, d. h. wiederkehrender, von vielen Einzelnen geteilter, epochen- und kulturspezifischer Motive. Obgleich Weber also betont, soziale Phänomene seien „aus dem Handeln der Einzelnen“ (Weber 2013, S. 160) zu erklären, so weist er doch darauf hin, dass das Handeln nicht durch den Einzelnen allein erklärt werden kann. ‚Handlung‘ ist mithin weniger ein kompakter Grundbegriff als eine Problemstellung, ein Kürzel für eine komplexe methodische Anweisung an die Soziologie (siehe den Beitrag von Gina Atzeni).

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Handlungen, Subjekte, Körper

  • Heike Delitz,
  • Julian Müller,
  • Robert Seyfert

摘要

Die Frage, was wir eigentlich tun und welche Folgen es hat, wenn wir zusammen mit anderen handeln, steht im Zentrum der im folgenden Abschnitt versammelten Theorien. Seit Max Weber suchen soziologische Denkansätze das Soziale immer auch auf der Ebene des menschlichen ‚Handelns‘. Webers Bestimmung der Soziologie als derjenigen Wissenschaft, die soziales Handeln „deutend verstehen“ und dadurch „ursächlich erklären“ will (Weber 2013, S. 149), fehlt in keinem Lehrbuch des Fachs. Mit dieser Unterscheidung von ‚Verstehen‘ und ‚Erklären‘ nahm Weber zeitgenössische philosophische Diskussionen auf – die des südwestdeutschen Neukantianismus und die auf Wilhelm Windelband zurückgehende Unterscheidung von nomothetischen und idiografischen Wissenschaften. Gegenüber einer Wissenschaft, die universelle Gesetze formuliert, also nomothetisch verfährt, wird die Soziologie hier als jene Disziplin begründet, die singuläre Phänomene oder Ereignisse beschreibt und interpretiert – dadurch aber ihrerseits auch zu historisch-kausalen Erklärungen kommt. Den Begriff des Verstehens brachte Weber dabei gegen positivistische Vorstellungen von Soziologie in Stellung, in denen – bei Auguste Comte und Herbert Spencer, im Anschluss an diese auch bei Durkheim – die Vorstellung vorherrscht, die Soziologie habe die Gesetze des Sozialen zu entdecken (vgl. u. a. Lichtblau 2001). Den Begriff des Erklärens wiederum setzte Weber ein, um zugleich jeder Form des Psychologismus, also der Rückführung des Handelns auf innerpsychische Abläufe oder rein subjektive Erwägungen zu widersprechen. Weder folge die soziale Wirklichkeit universellen Gesetzen, noch lasse sie sich aus ‚objektiven‘, jenseits der Individuen stehenden Strukturen oder Institutionen ableiten, noch aus rein Subjektivem. Unternehmen, Bürokratien, Wirtschaftsweisen, Kriege usw. sind vielmehr die Folge typischer ‚individueller‘ Motive und Handlungsweisen, d. h. wiederkehrender, von vielen Einzelnen geteilter, epochen- und kulturspezifischer Motive. Obgleich Weber also betont, soziale Phänomene seien „aus dem Handeln der Einzelnen“ (Weber 2013, S. 160) zu erklären, so weist er doch darauf hin, dass das Handeln nicht durch den Einzelnen allein erklärt werden kann. ‚Handlung‘ ist mithin weniger ein kompakter Grundbegriff als eine Problemstellung, ein Kürzel für eine komplexe methodische Anweisung an die Soziologie (siehe den Beitrag von Gina Atzeni).