Dieses Kapitel behandelt die emotionale Entwicklung im hohen Erwachsenenalter mit Fokus auf zwei zentrale Themenbereiche: emotionale Erfahrungen und emotionale Kompetenzen. Entwicklungspsychologische Theorien und empirische Befunde zeichnen ein Bild multidirektionaler Veränderungen in beiden Bereichen. Im dritten Lebensalter, dem sogenannten jungen hohen Alter mit relativ guter funktionaler Gesundheit, ist das emotionale Befinden durchschnittlich positiver und stabiler als in jüngeren Altersgruppen. Dieser häufig replizierte Befund wird im Kontext der einflussreichen sozioemotionalen Selektivitätstheorie mit Blick auf motivationale Veränderungen im wachsenden Bewusstsein der eigenen Endlichkeit erklärt. Einige Studien belegen auch eine durchschnittlich geringere Tendenz älterer Erwachsener im Vergleich zu Jüngeren, emotional hoch aktivierende Zustände zu erleben. Im vierten Lebensalter, dem späten hohen Alter, erleben Individuen durchschnittlich einschneidende Verluste in der funktionalen Gesundheit. In dieser Lebensphase kommt es im Durchschnitt zu einem terminalen Wohlbefindensabbau, mit drastischen Verlusten des Wohlbefindens in den Jahren vor dem Tod. Weitere Altersunterschiede im Erwachsenenalter betreffen die Häufigkeit und Intensität spezifischer Emotionen wie Traurigkeit und Ärger, von denen vermutet wird, dass sie für verschiedene Lebensphasen unterschiedlich adaptiv sind. Mit Blick auf emotionale Kompetenzen beleuchtet das Kapitel altersbezogene Unterschiede in der Fähigkeit, die eigenen Emotionen zu regulieren. Ältere Erwachsene weisen etwa im Vergleich zu Jugendlichen oder jüngeren Erwachsenen eine durchschnittlich höhere prohedonische Motivation auf: Ältere Erwachsene sind typischer Weise in höherem Maße motiviert, positive affektive Zustände zu erleben und negative zu vermeiden. Die bisherige Forschung liefert dagegen keine belastbare Evidenz, dass sich Erwachsene verschiedener Altersgruppen in der Wahl und Effektivität spezifischer Emotionsregulationsstrategien unterscheiden. Als weiteren zentralen Bereich emotionaler Kompetenzen betrachten wir anschließend Empathie. Dabei beleuchten wir sowohl kognitive Empathie, verstanden als die Fähigkeit, innere Zustände Anderer zu erkennen, als auch emotionale Empathie, die Fähigkeit, mit Anderen emotional mitzuschwingen. Beide Forschungsfelder stützen sich auf eine Vielzahl empirischer Paradigmen und sind von starker Heterogenität in den Befunden zu altersbezogenen Unterschieden geprägt. Die Mehrzahl der Befunde weist dabei auf durchschnittlich höhere emotionale Empathie – dem emotionalen Mitschwingen – im hohen, verglichen mit dem frühen Erwachsenenalter hin. Altersunterschiede in kognitiver Empathie – dem Verständnis der inneren Zustände Anderer – sind sehr heterogen und stark abhängig vom Untersuchungsparadigma. Insgesamt illustriert die Forschung zu emotionalen Erfahrungen und Kompetenzen im hohen Alter ein zentrales Postulat der Lebensspannenpsychologie: Entwicklung bleibt auch in den späten Jahren der Lebensspanne multidimensional und multidirektional. Sie betrifft verschiedene Facetten der emotionalen Entwicklung, welche jeweils unterschiedliche Entwicklungsverläufe nehmen können.

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Emotionale Erfahrungen und emotionale Kompetenzen im hohen Lebensalter

  • Antje Rauers,
  • Michaela Riediger

摘要

Dieses Kapitel behandelt die emotionale Entwicklung im hohen Erwachsenenalter mit Fokus auf zwei zentrale Themenbereiche: emotionale Erfahrungen und emotionale Kompetenzen. Entwicklungspsychologische Theorien und empirische Befunde zeichnen ein Bild multidirektionaler Veränderungen in beiden Bereichen. Im dritten Lebensalter, dem sogenannten jungen hohen Alter mit relativ guter funktionaler Gesundheit, ist das emotionale Befinden durchschnittlich positiver und stabiler als in jüngeren Altersgruppen. Dieser häufig replizierte Befund wird im Kontext der einflussreichen sozioemotionalen Selektivitätstheorie mit Blick auf motivationale Veränderungen im wachsenden Bewusstsein der eigenen Endlichkeit erklärt. Einige Studien belegen auch eine durchschnittlich geringere Tendenz älterer Erwachsener im Vergleich zu Jüngeren, emotional hoch aktivierende Zustände zu erleben. Im vierten Lebensalter, dem späten hohen Alter, erleben Individuen durchschnittlich einschneidende Verluste in der funktionalen Gesundheit. In dieser Lebensphase kommt es im Durchschnitt zu einem terminalen Wohlbefindensabbau, mit drastischen Verlusten des Wohlbefindens in den Jahren vor dem Tod. Weitere Altersunterschiede im Erwachsenenalter betreffen die Häufigkeit und Intensität spezifischer Emotionen wie Traurigkeit und Ärger, von denen vermutet wird, dass sie für verschiedene Lebensphasen unterschiedlich adaptiv sind. Mit Blick auf emotionale Kompetenzen beleuchtet das Kapitel altersbezogene Unterschiede in der Fähigkeit, die eigenen Emotionen zu regulieren. Ältere Erwachsene weisen etwa im Vergleich zu Jugendlichen oder jüngeren Erwachsenen eine durchschnittlich höhere prohedonische Motivation auf: Ältere Erwachsene sind typischer Weise in höherem Maße motiviert, positive affektive Zustände zu erleben und negative zu vermeiden. Die bisherige Forschung liefert dagegen keine belastbare Evidenz, dass sich Erwachsene verschiedener Altersgruppen in der Wahl und Effektivität spezifischer Emotionsregulationsstrategien unterscheiden. Als weiteren zentralen Bereich emotionaler Kompetenzen betrachten wir anschließend Empathie. Dabei beleuchten wir sowohl kognitive Empathie, verstanden als die Fähigkeit, innere Zustände Anderer zu erkennen, als auch emotionale Empathie, die Fähigkeit, mit Anderen emotional mitzuschwingen. Beide Forschungsfelder stützen sich auf eine Vielzahl empirischer Paradigmen und sind von starker Heterogenität in den Befunden zu altersbezogenen Unterschieden geprägt. Die Mehrzahl der Befunde weist dabei auf durchschnittlich höhere emotionale Empathie – dem emotionalen Mitschwingen – im hohen, verglichen mit dem frühen Erwachsenenalter hin. Altersunterschiede in kognitiver Empathie – dem Verständnis der inneren Zustände Anderer – sind sehr heterogen und stark abhängig vom Untersuchungsparadigma. Insgesamt illustriert die Forschung zu emotionalen Erfahrungen und Kompetenzen im hohen Alter ein zentrales Postulat der Lebensspannenpsychologie: Entwicklung bleibt auch in den späten Jahren der Lebensspanne multidimensional und multidirektional. Sie betrifft verschiedene Facetten der emotionalen Entwicklung, welche jeweils unterschiedliche Entwicklungsverläufe nehmen können.