„Organische Symptomenkomplexe nennen wir diejenigen, die wir auf einen greifbaren körperlichen Vorgang im Gehirn als Ursache zurückführen können“ (Jaspers K (1948) Allgemeine Psychopathologie, 5. Aufl. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg). Organische Psychosyndrome können im Rahmen einer großen Fülle verschiedener körperlicher Erkrankungen auftreten, wobei das psychopathologische Erscheinungsbild nur selten einen unzweideutigen Rückschluss auf die Grundkrankheit erlaubt. Viel eher ist es so, dass die Schwere der Schädigung, das Tempo ihrer Entwicklung und auslösende Noxen in Interaktion mit sekundären Faktoren wie körperlicher Komorbidität, subjektivem Krankheitserleben und Veränderungen im Verhalten auf dem Boden biologisch-konstitutioneller Einflüsse, der prämorbiden Persönlichkeit und Intelligenz, sowie psychosozialer Vulnerabilitätskonstellationen die unterschiedlichen klinischen Prägnanzformen bestimmen. Die Abgrenzung zu den funktionellen oder endogenen Psychosen scheitert auf den ersten Blick an einem angesichts neurowissenschaftlicher Befunde nicht haltbaren Leib-Seele-Dualismus, der bisweilen den Ruf nach der „Berentung“ des Begriffes der organischen psychischen Störungen (Spitzer RL, First MB, Williams JB et al (1992) Now is the time to retire the term „organic mental disorders“. Am J Psychiatry 149:240–244) provoziert hat. Jessen und Frölich (Jessen F, Frölich L (2018) ICD-11_ Neurokognitive Störungen. Fortschr Neurol Psychiatr 86:172–177) äußern im gleichen Sinne Erleichterung angesichts des Verzichts auf das Konzept der „organischen“ Störungen vom Übergang von der ICD-10 auf die ICD-11, weil aus ihrer Sicht der Begriff der „organischen“ Erkrankungen „nach heutigem Verständnis psychischer Erkrankungen eine Dichotomisierung ohne heuristischen Wert darstellt“. Andererseits bemerkte Jaspers bereits in seiner „Allgemeinen Psychopathologie“, dass der Gegensatz zwischen organisch und funktionell kein absoluter sei: „Was psychogen beginnt, funktionell sich auswirkt, kann organisch werden.“ (Jaspers K (1948) Allgemeine Psychopathologie, 5. Aufl. Springer, Berlin/Göttinge/Heidelberg). Im engeren Sinne bezeichnet der Begriff des organischen Psychosyndroms denn auch „organische Grundformen psychischen Krankseins“ (Bleuler E (1983) Lehrbuch der Psychiatrie 15. neu bearb. v. M. Bleuler. Springer. Berlin/Heidelberg/New/York), „bei denen es sich eben nicht um krankhafte Anlage bestimmter Funktionssysteme handelt, sondern um die Reaktion ursprünglich gesunder Gehirne auf Schädigungen, die im Laufe des Lebens einsetzten“ (Bonhoeffer K (1917) Die exogenen Reaktionstypen. Arch Psychiatr Nervenkr 58:58–70). Dabei erweitert Bonhoeffer den traditionellen Begriff der symptomatischen Psychosen, die zunächst ausschließlich primär extrakranielle Erkrankungen (die erst sekundär das Gehirn betreffen) bezeichneten, um die Psychosen bei unmittelbaren (primären) Gehirnerkrankungen. Also handelt es sich bei den organischen Psychosyndromen um oftmals oligosymptomatische Präsentationen von spezifischen psychopathologischen und neuropsychologischen Syndromen (im Sinne einer topografischen Neuropsychologie), denen ein spezifischer pathogenetischer Mechanismus zugrunde liegt. Terminologisch behaupten sich seit Bonhoeffers exogenen Reaktionstypen, die aufgrund seiner „symptomatologischen Betrachtungsweise“ entstanden, neben den „körperlich begründbaren“ psychischen Störungen besonders die synonym verwendeten Begriffe „organische“ und „symptomatische“ psychische Störung. Lindqvist und Malmgren (Lindqvist G, Malmgren H (1993) Organic mental disorders as hypothetical pathogenetic processes. Acta Psychiatr Scand Suppl 373:5–17) betonen unter Bezug auf Bleuler die klinische Beobachtung, dass ähnliche Symptome bei sehr unterschiedlichen ätiologischen Bedingungen und exogenen Noxen auftreten. Sie nehmen dafür adaptive konvergente Prozesse an, wobei sie betonen, dass organisch-psychiatrische Symptome dazu neigen, sich in einer begrenzten Anzahl von Clustern (Prägnanzformen) zu gruppieren. Davis (David AS (2009a) Basic concepts in neuropsychiatry. In: David AS, Fleminger S, Kopelman MD, Lovestone S, Mellers JDC (Hrsg) Lishman‘s organic psychiatry. Wiley-Blackwell, Chichester, S 3–28) wählt bei seiner Herausgabe der 4. Auflage von „Lishman´s Organic Psychiatry“ die Bezeichnung „Neuropsychiatry“ synonym für die organischen psychischen Störungen, ist aber bei der Syndromatologie und Klinik der hirnorganischen Störungen den Begrifflichkeiten der klassischen Europäischen Psychiatrie verpflichtet.

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Systematik organisch-symptomatischer Störungen, neuro-kognitive Störungen

  • Hans Gutzmann,
  • Michael Rapp

摘要

„Organische Symptomenkomplexe nennen wir diejenigen, die wir auf einen greifbaren körperlichen Vorgang im Gehirn als Ursache zurückführen können“ (Jaspers K (1948) Allgemeine Psychopathologie, 5. Aufl. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg). Organische Psychosyndrome können im Rahmen einer großen Fülle verschiedener körperlicher Erkrankungen auftreten, wobei das psychopathologische Erscheinungsbild nur selten einen unzweideutigen Rückschluss auf die Grundkrankheit erlaubt. Viel eher ist es so, dass die Schwere der Schädigung, das Tempo ihrer Entwicklung und auslösende Noxen in Interaktion mit sekundären Faktoren wie körperlicher Komorbidität, subjektivem Krankheitserleben und Veränderungen im Verhalten auf dem Boden biologisch-konstitutioneller Einflüsse, der prämorbiden Persönlichkeit und Intelligenz, sowie psychosozialer Vulnerabilitätskonstellationen die unterschiedlichen klinischen Prägnanzformen bestimmen. Die Abgrenzung zu den funktionellen oder endogenen Psychosen scheitert auf den ersten Blick an einem angesichts neurowissenschaftlicher Befunde nicht haltbaren Leib-Seele-Dualismus, der bisweilen den Ruf nach der „Berentung“ des Begriffes der organischen psychischen Störungen (Spitzer RL, First MB, Williams JB et al (1992) Now is the time to retire the term „organic mental disorders“. Am J Psychiatry 149:240–244) provoziert hat. Jessen und Frölich (Jessen F, Frölich L (2018) ICD-11_ Neurokognitive Störungen. Fortschr Neurol Psychiatr 86:172–177) äußern im gleichen Sinne Erleichterung angesichts des Verzichts auf das Konzept der „organischen“ Störungen vom Übergang von der ICD-10 auf die ICD-11, weil aus ihrer Sicht der Begriff der „organischen“ Erkrankungen „nach heutigem Verständnis psychischer Erkrankungen eine Dichotomisierung ohne heuristischen Wert darstellt“. Andererseits bemerkte Jaspers bereits in seiner „Allgemeinen Psychopathologie“, dass der Gegensatz zwischen organisch und funktionell kein absoluter sei: „Was psychogen beginnt, funktionell sich auswirkt, kann organisch werden.“ (Jaspers K (1948) Allgemeine Psychopathologie, 5. Aufl. Springer, Berlin/Göttinge/Heidelberg). Im engeren Sinne bezeichnet der Begriff des organischen Psychosyndroms denn auch „organische Grundformen psychischen Krankseins“ (Bleuler E (1983) Lehrbuch der Psychiatrie 15. neu bearb. v. M. Bleuler. Springer. Berlin/Heidelberg/New/York), „bei denen es sich eben nicht um krankhafte Anlage bestimmter Funktionssysteme handelt, sondern um die Reaktion ursprünglich gesunder Gehirne auf Schädigungen, die im Laufe des Lebens einsetzten“ (Bonhoeffer K (1917) Die exogenen Reaktionstypen. Arch Psychiatr Nervenkr 58:58–70). Dabei erweitert Bonhoeffer den traditionellen Begriff der symptomatischen Psychosen, die zunächst ausschließlich primär extrakranielle Erkrankungen (die erst sekundär das Gehirn betreffen) bezeichneten, um die Psychosen bei unmittelbaren (primären) Gehirnerkrankungen. Also handelt es sich bei den organischen Psychosyndromen um oftmals oligosymptomatische Präsentationen von spezifischen psychopathologischen und neuropsychologischen Syndromen (im Sinne einer topografischen Neuropsychologie), denen ein spezifischer pathogenetischer Mechanismus zugrunde liegt. Terminologisch behaupten sich seit Bonhoeffers exogenen Reaktionstypen, die aufgrund seiner „symptomatologischen Betrachtungsweise“ entstanden, neben den „körperlich begründbaren“ psychischen Störungen besonders die synonym verwendeten Begriffe „organische“ und „symptomatische“ psychische Störung. Lindqvist und Malmgren (Lindqvist G, Malmgren H (1993) Organic mental disorders as hypothetical pathogenetic processes. Acta Psychiatr Scand Suppl 373:5–17) betonen unter Bezug auf Bleuler die klinische Beobachtung, dass ähnliche Symptome bei sehr unterschiedlichen ätiologischen Bedingungen und exogenen Noxen auftreten. Sie nehmen dafür adaptive konvergente Prozesse an, wobei sie betonen, dass organisch-psychiatrische Symptome dazu neigen, sich in einer begrenzten Anzahl von Clustern (Prägnanzformen) zu gruppieren. Davis (David AS (2009a) Basic concepts in neuropsychiatry. In: David AS, Fleminger S, Kopelman MD, Lovestone S, Mellers JDC (Hrsg) Lishman‘s organic psychiatry. Wiley-Blackwell, Chichester, S 3–28) wählt bei seiner Herausgabe der 4. Auflage von „Lishman´s Organic Psychiatry“ die Bezeichnung „Neuropsychiatry“ synonym für die organischen psychischen Störungen, ist aber bei der Syndromatologie und Klinik der hirnorganischen Störungen den Begrifflichkeiten der klassischen Europäischen Psychiatrie verpflichtet.