Der Ohrenzeuge
摘要
Canettis Bestimmung einer Gestalt, die „eine weitere Verwandlung nicht mehr gestattet“, die „in allen ihren Zügen begrenzt und klar“ ist (MuM 442), zielt auf eine „Figur“, die in sich komplett, abgeschlossen, völlig unverwechselbar und wiedererkennbar ist – bevorzugt sogar apart und eigen. „Dichter ist,“ – heißt es an anderer Stelle – „wer Figuren erfindet, die ihm niemand glaubt und die doch keiner vergißt“ (ÜD 7). Der Begriff Charakter fällt in diesem Zusammenhang zwar nicht, genau das ist aber gemeint. Schon lange bevor Canetti fünfzig Charaktere im Stil des Theophrast unter dem Titel Der Ohrenzeuge (1974) publiziert, versteht er sich bestens auf die Zündung „lebender Ein-Mann-Raketen“, die „ganz aus Grenze“ bestehen und ihre Kraft aus der „Beschränkung auf sich“ beziehen (FiO 300). Zugespitzt gesagt, bildet diese Art verknappender und bis zur Karikatur tendierender Charakterisierungskunst sogar das eigentliche Zentrum seines gesamten Œuvres, ein Zug, den er noch dazu mit Vezas Schreiben teilt (vgl. Košenina 2007).