Am dritten Band seiner Lebenserinnerungen arbeitete Canetti seit etwa 1982; im Sommer 1984 wurde das Manuskript abgeschlossen, das Buch erschien im März 1985 (vgl. Hanuschek 2005, 623–627). War vor allem der erste Teil der Autobiographie, Die gerettete Zunge (1977), noch auf scharfe Kritik an der Traditionalität der Erzählweise und der Selbstgewissheit des Verfassers gestoßen (s. Kap.  4 ), so war der zweite, Die Fackel im Ohr (1980), sowohl als sprachliche Realisierung kreativer Erinnerungsakte als auch als Zeugnis engagierter Zeitgenossenschaft wahrgenommen worden (s. Kap.  5 ). Die abgeschlossene Trilogie des 1981 mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Autors erregte hohes Interesse, besonders hinsichtlich der nun erkennbaren Gesamtkomposition. Schon die Titelgebung ließ die Programmatik des autobiographischen Projekts erkennen: Mit ‚Zunge‘, ‚Ohr‘ und ‚Auge‘ waren die Sinne der Wahrnehmung und Artikulation angesprochen (vgl. Rohrwasser 1985): Der Erzähler versteht das erlebende Ich als Ohren- und Augenzeuge, dessen Erfahrungen er als sprachliches Gedächtnis aufbewahrt. Stärker noch als Die Fackel im Ohr tendiert dieser letzte Band zum Genre der Memoiren: Es geht nicht mehr die eigene kindliche und jugendliche Entwicklung, sondern um Porträts jener prominenten Künstler und Künstlerinnen, die Einfluss auf den jungen Erwachsenen ausüben (vgl. Borodatschjova 2002, 169–204); der Erzähler präsentiert sich vielfach in der Rolle des Beobachters (vgl. Eigler 1988, 42). In Die Fackel im Ohr war vom Berliner Gedränge der „Namen“ die Rede (vgl. z. B. FiO 281); auf den ersten Blick ist auch das Augenspiel von solchen aufeinanderstoßenden, konkurrierenden, mitunter unverträglichen ‚Namen‘ bevölkert. Allerdings gibt Canetti ihnen eine unverwechselbare Aura, manchmal durch scharfe, mitunter bis zur Bösartigkeit gesteigerte Charakteristiken (vgl. Chen 2009, 155; Moll 2019), die zuweilen den Protest betroffener Nachkommen erregten. So mussten besonders gehässige Passagen über Ernst Benedikt, den Sohn des von Karl Kraus befehdeten Herausgebers der Neuen Freien Presse, auf Verlangen seiner Tochter Susanne in der zweiten Auflage des Augenspiels entschärft werden (vgl. Br 690–691) – ein wohl „einmaliger Vorgang“ im Werk Canettis (Strouhal 2021, 64).

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Das Augenspiel. Lebensgeschichte 1931–1937

  • Konstanze Fliedl

摘要

Am dritten Band seiner Lebenserinnerungen arbeitete Canetti seit etwa 1982; im Sommer 1984 wurde das Manuskript abgeschlossen, das Buch erschien im März 1985 (vgl. Hanuschek 2005, 623–627). War vor allem der erste Teil der Autobiographie, Die gerettete Zunge (1977), noch auf scharfe Kritik an der Traditionalität der Erzählweise und der Selbstgewissheit des Verfassers gestoßen (s. Kap.  4 ), so war der zweite, Die Fackel im Ohr (1980), sowohl als sprachliche Realisierung kreativer Erinnerungsakte als auch als Zeugnis engagierter Zeitgenossenschaft wahrgenommen worden (s. Kap.  5 ). Die abgeschlossene Trilogie des 1981 mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Autors erregte hohes Interesse, besonders hinsichtlich der nun erkennbaren Gesamtkomposition. Schon die Titelgebung ließ die Programmatik des autobiographischen Projekts erkennen: Mit ‚Zunge‘, ‚Ohr‘ und ‚Auge‘ waren die Sinne der Wahrnehmung und Artikulation angesprochen (vgl. Rohrwasser 1985): Der Erzähler versteht das erlebende Ich als Ohren- und Augenzeuge, dessen Erfahrungen er als sprachliches Gedächtnis aufbewahrt. Stärker noch als Die Fackel im Ohr tendiert dieser letzte Band zum Genre der Memoiren: Es geht nicht mehr die eigene kindliche und jugendliche Entwicklung, sondern um Porträts jener prominenten Künstler und Künstlerinnen, die Einfluss auf den jungen Erwachsenen ausüben (vgl. Borodatschjova 2002, 169–204); der Erzähler präsentiert sich vielfach in der Rolle des Beobachters (vgl. Eigler 1988, 42). In Die Fackel im Ohr war vom Berliner Gedränge der „Namen“ die Rede (vgl. z. B. FiO 281); auf den ersten Blick ist auch das Augenspiel von solchen aufeinanderstoßenden, konkurrierenden, mitunter unverträglichen ‚Namen‘ bevölkert. Allerdings gibt Canetti ihnen eine unverwechselbare Aura, manchmal durch scharfe, mitunter bis zur Bösartigkeit gesteigerte Charakteristiken (vgl. Chen 2009, 155; Moll 2019), die zuweilen den Protest betroffener Nachkommen erregten. So mussten besonders gehässige Passagen über Ernst Benedikt, den Sohn des von Karl Kraus befehdeten Herausgebers der Neuen Freien Presse, auf Verlangen seiner Tochter Susanne in der zweiten Auflage des Augenspiels entschärft werden (vgl. Br 690–691) – ein wohl „einmaliger Vorgang“ im Werk Canettis (Strouhal 2021, 64).