Die Angst, zu erblinden, gehört zu Elias Canettis frühen Traumata. „Der Gedanke an Blindheit hatte mich verfolgt, seit ich in früher Kindheit an den Masern erkrankte und dabei während einiger Tage das Augenlicht verlor“ (FiO 111). Eine „Scheu“ vor Blinden geht damit einher, „obschon sie mich faszinierten.“ (FiO 113). Genau diese Ambivalenz zwischen ängstlicher Distanz und brennender Neugierde für das Innenleben von Menschen mit eingeschränkter Sinneswahrnehmung prägen die meisten Erwähnungen von Blindheit im Werk beider Canettis. Hinzu kommen Relationen zwischen Sehverlust und dessen gewaltsamer Verursachung durch Blendung. Literarisch ist es ein prominentes Motiv seit Sophokles’ König Ödipus, der sich als Vatermörder und Beischläfer der Mutter auf diese Weise selbst bestraft und dabei in der Figur des blinden Sehers und Propheten Teiresias gespiegelt wird. „Die Ästhetikgeschichte der Blindheit ist keine Wahrnehmungsgeschichte unter anderen“, so zeigt die Grundlegung von Kai Nonnenmacher, sondern sie entwickelt eine zentrale Kategorie der Erkenntnistheorie, Kunstphilosophie und Metapherngeschichte (Nonnenmacher 2006, 333). In der Literatur zeitigt das Folgen bei Hölderlin, Hoffmann, Jean Paul und Kleist über Mörike und Stifter bis zu Musil oder Schnitzler (vgl. Eickenrodt 2012).

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Blindheit

  • Alexander Košenina

摘要

Die Angst, zu erblinden, gehört zu Elias Canettis frühen Traumata. „Der Gedanke an Blindheit hatte mich verfolgt, seit ich in früher Kindheit an den Masern erkrankte und dabei während einiger Tage das Augenlicht verlor“ (FiO 111). Eine „Scheu“ vor Blinden geht damit einher, „obschon sie mich faszinierten.“ (FiO 113). Genau diese Ambivalenz zwischen ängstlicher Distanz und brennender Neugierde für das Innenleben von Menschen mit eingeschränkter Sinneswahrnehmung prägen die meisten Erwähnungen von Blindheit im Werk beider Canettis. Hinzu kommen Relationen zwischen Sehverlust und dessen gewaltsamer Verursachung durch Blendung. Literarisch ist es ein prominentes Motiv seit Sophokles’ König Ödipus, der sich als Vatermörder und Beischläfer der Mutter auf diese Weise selbst bestraft und dabei in der Figur des blinden Sehers und Propheten Teiresias gespiegelt wird. „Die Ästhetikgeschichte der Blindheit ist keine Wahrnehmungsgeschichte unter anderen“, so zeigt die Grundlegung von Kai Nonnenmacher, sondern sie entwickelt eine zentrale Kategorie der Erkenntnistheorie, Kunstphilosophie und Metapherngeschichte (Nonnenmacher 2006, 333). In der Literatur zeitigt das Folgen bei Hölderlin, Hoffmann, Jean Paul und Kleist über Mörike und Stifter bis zu Musil oder Schnitzler (vgl. Eickenrodt 2012).