Zur Entstehung der Blendung hält Canetti rückblickend fest: „Die Hauptfigur dieses Buches, heute als Kien bekannt, war in den ersten Entwürfen mit B. bezeichnet, was kurz für ‚Büchermensch‘ stand. Denn als solchen, als Büchermenschen, hatte ich ihn vor Augen, so sehr, daß seine Verbindung mit Büchern weit wichtiger war als er selbst. Daß er aus Büchern bestand, war damals seine einzige Eigenschaft, er hatte vorläufig keine anderen.“ (GdW 235). Der Plan, Figuren auf einzelne, klar begrenzte Eigenschaften zu reduzieren und daraus – mit Anspielung auf Honoré de Balzac – eine achtteilige „Comédie Humaine an Irren“ (FiO 339) zu schaffen, entsprach Canettis Idee einer Charakterisierungskunst, die er nach dem Modell des Theophrast im Ohrenzeugen weiterentwickelt (s. Kap.  9 ). Ein Gelehrter, der nur aus Büchern besteht, verweist erstens auf bildliche Vorlagen. Giuseppe Arcimboldos Bibliothekar (1566) oder Carl Christian Glassbachs Bildnis eines durch und durch Gelehrten (Ende 18. Jh.) sind tatsächlich im buchstäblichen Sinne aus Einzelbänden zusammengesetzt (vgl. Košenina 2003, 145). Daran schließt sich zweitens die künstlerisch vielfach variierte Phantasie an, dass Bücher lebendig werden und von ihren Regalen herabsteigen können, um in einer Schlacht (der Ideen, Schulen, Traditionen, persönlichen Konkurrenzen etc.) gegeneinander anzutreten (vgl. Hölter 1995). Und drittens steckt dahinter ein Verfasser, dem seine Mutter einen fast krankhaft unstillbaren Bücherhunger vorwirft: „Das hat schon in der Kindheit bei dir begonnen. Für jedes Buch, aus dem du etwas Neues erfährst, brauchst du zehn andere, aus denen du noch mehr darüber erfährst.“ (FiO 104). Später, als gefeierter Schriftsteller, lässt er sich bevorzugt vor riesigen Bücherwänden fotografieren (vgl. Wachinger, 135, 147–148, 153, 162, 167), berühmt ist Motesiczkys Doppelporträt mit Baermann Steiner (vgl. Brogi/Gallas 2021).

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  • Alexander Košenina

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Zur Entstehung der Blendung hält Canetti rückblickend fest: „Die Hauptfigur dieses Buches, heute als Kien bekannt, war in den ersten Entwürfen mit B. bezeichnet, was kurz für ‚Büchermensch‘ stand. Denn als solchen, als Büchermenschen, hatte ich ihn vor Augen, so sehr, daß seine Verbindung mit Büchern weit wichtiger war als er selbst. Daß er aus Büchern bestand, war damals seine einzige Eigenschaft, er hatte vorläufig keine anderen.“ (GdW 235). Der Plan, Figuren auf einzelne, klar begrenzte Eigenschaften zu reduzieren und daraus – mit Anspielung auf Honoré de Balzac – eine achtteilige „Comédie Humaine an Irren“ (FiO 339) zu schaffen, entsprach Canettis Idee einer Charakterisierungskunst, die er nach dem Modell des Theophrast im Ohrenzeugen weiterentwickelt (s. Kap.  9 ). Ein Gelehrter, der nur aus Büchern besteht, verweist erstens auf bildliche Vorlagen. Giuseppe Arcimboldos Bibliothekar (1566) oder Carl Christian Glassbachs Bildnis eines durch und durch Gelehrten (Ende 18. Jh.) sind tatsächlich im buchstäblichen Sinne aus Einzelbänden zusammengesetzt (vgl. Košenina 2003, 145). Daran schließt sich zweitens die künstlerisch vielfach variierte Phantasie an, dass Bücher lebendig werden und von ihren Regalen herabsteigen können, um in einer Schlacht (der Ideen, Schulen, Traditionen, persönlichen Konkurrenzen etc.) gegeneinander anzutreten (vgl. Hölter 1995). Und drittens steckt dahinter ein Verfasser, dem seine Mutter einen fast krankhaft unstillbaren Bücherhunger vorwirft: „Das hat schon in der Kindheit bei dir begonnen. Für jedes Buch, aus dem du etwas Neues erfährst, brauchst du zehn andere, aus denen du noch mehr darüber erfährst.“ (FiO 104). Später, als gefeierter Schriftsteller, lässt er sich bevorzugt vor riesigen Bücherwänden fotografieren (vgl. Wachinger, 135, 147–148, 153, 162, 167), berühmt ist Motesiczkys Doppelporträt mit Baermann Steiner (vgl. Brogi/Gallas 2021).