Georg Christoph Lichtenberg
摘要
Wann Elias oder Veza Canetti zum ersten Mal Georg Christoph Lichtenberg (1742–1790) gelesen haben und in welcher Ausgabe, lässt sich nicht feststellen. Alles spricht jedoch für eine recht frühe Lektüre. Inszeniert wird sie wirkungsvoll im Augenspiel: Auf Canettis Frage, ob sie, Veza, die Ältere und „viel Belesenere“, Büchner schon lange kenne, lautet die Antwort: „Länger als dich. Ich habe ihn schon früh gelesen. Zur gleichen Zeit als ich auf Hebbels Tagebücher und auf Lichtenberg stieß“ (As 18). Es geht nicht nur um eine zeitliche Angabe, sondern um die Kombination von Namen, die als Canettis „Ahnen“ (As 319) gelten dürfen. Denn „Ein Dichter braucht Ahnen“ – zumal einer, der die Aufgabe des Literaten im „Weitertragen des Gelesenen“ (GdU 96) erblickt. Die Rolle Vezas bleibt dabei meistens im Dunklen. Eine Stellungnahme findet sich in ihrer – unter dem Namen Erich Frieds verfassten – Einleitung zur Auswahl Welt im Kopf (1962), wo sie einige erstmals publizierte Aufzeichnungen ihres Mannes „etwa [in der] Mitte zwischen Lichtenberg und Hebbels Tagebüchern“ verortet (Hanuschek 2005, 709). Peter von Matt ist zuzustimmen, dass Canetti weniger von Hebbel als „von Pascal und Lichtenberg und Aubrey“ geprägt wurde (von Matt 2007, 68). Als er am 17.03.1951 Aufzeichnungen seit 1942 abschreibt (ZB 11), sieht er vor sich „etwas wie ein kleines Lebenswerk“, das ihm „in seiner lockeren, unverbundenen Art wie eine sonderbare Ehe zwischen Pascal und Lichtenberg, wenn sie heute leben würden“ (Hanuschek 2005, 184), vorkommt. Hebbel hat das deutsche Tagebuch verfasst, das Canetti mehr bedeutet – wie es in den 1994 erschienenen Nachträgen aus Hampstead (vgl. NaH 128) nachzulesen ist –, Lichtenberg aber, der „dem entspricht, was ich unter Aufzeichnungen verstehe“, „steht mir näher als Hebbel“ (ebd.). Hier wird der Gegensatz zweier Schreibweisen artikuliert, wie es die Vorbemerkung zu den 1965 erschienenen Aufzeichnungen 1942–1948 klarmacht: „Tagebücher dienen dazu, die Kontinuität eines Lebens vorzuführen“, „Die Aufzeichnungen dagegen leben aus ihrer Gegensätzlichkeit und Spontaneität: […] es soll nichts vervollständigt oder abgerundet werden. Sprünge zwischen ihnen sind das Wichtigste“ (Canetti 1965, 8–9). Sprünge, die hier als das Wichtigste an Aufzeichnungen hingestellt werden, kehren im Aufzeichnungswerk Canettis in der häufiger zitierten Äußerung zu Lichtenberg bildlich wieder, die wie ein Tieraphorismus klingt: „Lichtenberg ist ein Floh mit dem Geist eines Menschen“ (PdM 263). Der Floh ist im Tierreich der Springer par excellence, und Lichtenberg selbst unterstreicht in seinen Sudelbüchern verschiedenartig seine Neigung zum Sprunghaften, sein Vergnügen am Desultorischen im Lesen (vgl. Cantarutti 2022). Sprung ist dabei, so wie saillie, seine Entsprechung auf Französisch, ein kulturgesättigtes und extrem polysemes Wort. Die kanonische Ausprägung von saillie in der Moralistik (ebd.), die auch in der Kombination Sprung/Floh/Lichtenberg durchschimmert, signalisiert, dass Canettis Perspektive weltliterarisch ist. Sein Bild für den Verfasser der Sudelbücher, der in seinen Augen wie kein anderer dem entspricht, was er unter Aufzeichnung versteht, ist von bestechender Treffsicherheit. An der Schnittstelle zwischen Naturwissenschaften und Literatur beheimatet, ist es transnational einleuchtend und verblüffend zugleich. „Daß er [Lichtenberg] einen zu Sprüngen verführt“ (PdM 263), belebend und befreiend wirkt, erlebt Canetti immer wieder und lässt seine Leser daran teilnehmen: „Zehn Minuten Lichtenberg und alles geht ihm durch den Kopf, was er seit einem Jahr in sich unterdrückt hat“ (GdU 156), schreibt er mit achtzig. In einem für sein Verhältnis zum Autor der Sudelbücher besonders bedeutenden Brief an Herbert Göpfert, entschuldigt er sich für seinen „Überschwang“: „ich habe gerade wieder in Lichtenberg geblättert, das macht mich immer übermütig“ (Br 318). Ähnlich sind ihm Lichtenberg und Büchner auch in ihrer Wirkung: Ermutigung bis zum Übermut einerseits, zugleich aber, wenigstens vorübergehend, das Gefühl der eigenen Unterlegenheit: „Lichtenberg hätte mich keines Wortes gewürdigt und ich, ich wage ihn zu preisen“ (Canetti 1999, 46). Als Pendant zur berühmten Szene im Augenspiel (As 18) nimmt sich ein kurzer, leicht zu überlesender Satz in der Fackel im Ohr aus, der wie in einem Schlaglicht erhellt, was ihm Lichtenberg, was ihm Veza bedeuten: „Sie war es, die damals Lichtenberg in mein Leben brachte“ (FiO 204). Der Begegnung eignet eine spezifisch existentielle Dimension, die sonst in der deutschen Literatur nur der Lektüre Büchners zukommt und ein Leben lang andauert.