Die Befristeten
摘要
Die Frage nach der der eigenen Lebensdauer steht im Zentrum von Elias Canettis 1952 geschriebenem Drama Die Befristeten. Erst 1967, mehr als ein Jahrzehnt nach der englischsprachigen Uraufführung 1956 in London unter dem Titel Their Days are Numbered und drei Jahre nach der deutschen Publikation 1964, wurde das Stück am Wiener Theater in der Josefstadt (Regie: Friedrich Kallinas) auch auf Deutsch aufgeführt. Fritz Walden pries es in der Arbeiter-Zeitung als „eine in Canetti-Milde getauchte Kafka-Welt“, eine „sich jeder Bühnenkonvention sperrende[] Dichtung“, bei welcher „die Darsteller mitunter den Bühnenboden unter ihren Füßen [zu] verlieren scheinen“ (Walden 1967). Die Befristeten handelt von einer zukünftigen Gesellschaft, in der die Parzen ihre Arbeit in aller Öffentlichkeit verrichten: Bei der Geburt wird jedem eine fest versiegelte Kapsel um den Hals gehängt, worin sich das genaue Geburtsdatum und das Jahr des Todes befindet. Das Kind wird dann mit einem sprechenden, abstrakten Namen getauft wie „Siebzig“, „Vierzig“, „Zehn“ oder wie der Held des Stücks: „Fünfzig“. In dem vorgezeichneten Alter werden sie alle sterben, und zwar an dem jeweiligen Geburtstag, in ihrem so genannten „Augenblick“. Nomen ist buchstäblich omen, das Leben „ein Guthaben“ (Müller-Funk 2006, 73). Nach dem eingetretenen Tod kommt der Kapselan, eine Art Priester des Todes, der auch der „Totenbeschauer“ (Be 189) genannt wird, und öffnet die Kapsel, um den regelgerechten Tod festzustellen. Der Protagonist Fünfzig beginnt schon zu Anfang des Stücks seine Zweifel an dem System zu äußern; gegen alle Gesetze verstoßend wird er zwei Kapseln stehlen, öffnen und herausfinden, dass sie leer sind. Fünfzig zettelt eine Revolution an, die Masse macht mit, und das Zeitalter der streng Befristeten wird abgeschafft.