Laut philologischem Befund trägt in den Schriften der ionischen Naturphilosophen, der attischen Dramatiker und Komödiendichter wie auch in der nach-sokratischen Phase die Sprache des Alltags die philosophische Fachterminologie mit. Das griechische Substantiv οὐσία (ousia) verweist sowohl auf (Land-, Vorrats-, Waren-, Geld- etc.) Besitz als auch auf Wesen bzw. Substanz (Hirzel 1913). Platon gibt ihm die Bedeutung eines unveränderlichen, ewigen, eigentlichen Seins, eines sich in verschiedenen Einzelfällen durchhaltenden Wesens, das Sein selbst als die Totalität aller Wesenheiten, die Seinsfülle im Unterschied zum wechselnden, sich verändernden, vergänglichen Sein sowie zum Nichtsein, zur Erscheinung und zum Werden. Im Ausgang und in Absetzung von seinem Lehrer entmächtigt Aristoteles das Allgemeine zugunsten des Besonderen, wenn er einzig Einzelnes als unteilbare und numerisch singuläre Substanz anerkennt, da eine allgemeine Wesenheit von den vielen Einzelnen äquivok ausgesagt würde (Halfwassen 1998, 495–496). Der aristotelischen Definition der ousia als ὑποκειμένον (hypokeimenon) eignet ihrerseits die Ambiguität, einerseits ontologisch auf Träger von Eigenschaften, andererseits auf das grammatische Satzsubjekt zu rekurrieren (Pätzold 1990, 483). Substanzen unterscheiden sich von Akzidentien wie sich Unabhängiges von Abhängigem unterscheidet. Akzidentien können nicht sein, wenn nicht eine Substanz ist, der sie inhärieren. Die erste Substanz ist die, die von nichts anderem ausgesagt und auch in keinem anderen enthalten gedacht werden kann, sondern selbst dem Aussagen (etwas von etwas) als hypokeimenon zugrunde liegt. Als summum genus ist die oberste Substanz differenzierbar in subalterne Genera und Species, so dass beispielsweise von ‚Sokrates‘ die Art ‚Mensch‘ und von der Art ‚Mensch‘ hinwiederum die Gattung ‚Lebewesen‘ ausgesagt wird. Aristoteles behandelt Einzeldinge wie z. B. verschiedene Pferde oder Menschen als Substanzen. Die Konzeption eines summum genus, das keines anderen zu seiner Existenz bedarf, konnte nicht ausbleiben, da im Falle der umgekehrten Annahme, dass alles etwas benötigt, damit es existieren kann, die Bedingung dafür, dass überhaupt etwas existiert, niemals erfüllt werden könnte (Kneale 1940, 115–116).

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Substanz

  • Roland Braun

摘要

Laut philologischem Befund trägt in den Schriften der ionischen Naturphilosophen, der attischen Dramatiker und Komödiendichter wie auch in der nach-sokratischen Phase die Sprache des Alltags die philosophische Fachterminologie mit. Das griechische Substantiv οὐσία (ousia) verweist sowohl auf (Land-, Vorrats-, Waren-, Geld- etc.) Besitz als auch auf Wesen bzw. Substanz (Hirzel 1913). Platon gibt ihm die Bedeutung eines unveränderlichen, ewigen, eigentlichen Seins, eines sich in verschiedenen Einzelfällen durchhaltenden Wesens, das Sein selbst als die Totalität aller Wesenheiten, die Seinsfülle im Unterschied zum wechselnden, sich verändernden, vergänglichen Sein sowie zum Nichtsein, zur Erscheinung und zum Werden. Im Ausgang und in Absetzung von seinem Lehrer entmächtigt Aristoteles das Allgemeine zugunsten des Besonderen, wenn er einzig Einzelnes als unteilbare und numerisch singuläre Substanz anerkennt, da eine allgemeine Wesenheit von den vielen Einzelnen äquivok ausgesagt würde (Halfwassen 1998, 495–496). Der aristotelischen Definition der ousia als ὑποκειμένον (hypokeimenon) eignet ihrerseits die Ambiguität, einerseits ontologisch auf Träger von Eigenschaften, andererseits auf das grammatische Satzsubjekt zu rekurrieren (Pätzold 1990, 483). Substanzen unterscheiden sich von Akzidentien wie sich Unabhängiges von Abhängigem unterscheidet. Akzidentien können nicht sein, wenn nicht eine Substanz ist, der sie inhärieren. Die erste Substanz ist die, die von nichts anderem ausgesagt und auch in keinem anderen enthalten gedacht werden kann, sondern selbst dem Aussagen (etwas von etwas) als hypokeimenon zugrunde liegt. Als summum genus ist die oberste Substanz differenzierbar in subalterne Genera und Species, so dass beispielsweise von ‚Sokrates‘ die Art ‚Mensch‘ und von der Art ‚Mensch‘ hinwiederum die Gattung ‚Lebewesen‘ ausgesagt wird. Aristoteles behandelt Einzeldinge wie z. B. verschiedene Pferde oder Menschen als Substanzen. Die Konzeption eines summum genus, das keines anderen zu seiner Existenz bedarf, konnte nicht ausbleiben, da im Falle der umgekehrten Annahme, dass alles etwas benötigt, damit es existieren kann, die Bedingung dafür, dass überhaupt etwas existiert, niemals erfüllt werden könnte (Kneale 1940, 115–116).