Die philosophische Kosmologie A. N. Whiteheads enthält einen metaphysischen Gottesbegriff, der in verschiedenen Werken Whiteheads modifiziert und entfaltet wird, bis er in Process and Reality seine endgültige Form erlangt (zu dieser Entwicklung Jung 1965, Ford 1984, Ford 2000, Müller 2009, Müller 2020). Eingeführt wird der Gottesbegriff in Science and the Modern World, nachdem Whitehead seinen naturphilosophischen Ansatz in The Concept of Nature um die Analyse der modalen Beziehung von Wirklichkeit und Möglichkeit erweitert hat. Damit wird zugleich ein ontologisches Problem generiert: Wenn den ‚actual entities‘ als konstitutiven Elementen der Wirklichkeit ein potentiell unendlicher Möglichkeitsraum für ihre Selbstrealisierung zur Verfügung steht, wird damit zwar die ontologische Bedingung für die Entstehung von Neuheit benannt, zugleich wird aber die Kontinuität der zeitlichen Entwicklung der Welt erklärungsbedürftig. Gesucht ist hier also nach einem kosmologischen Prinzip, das es erlaubt, den Möglichkeitsraum so zu begrenzen, dass die erfahrbare Kontinuität der kosmologischen Entfaltung gewahrt wird. Der Gottesbegriff kommt also in der Metaphysik Whiteheads dann in den Blick, wenn es um Funktionen geht, die nicht mehr innerhalb der Welt erklärbar sind. In diesem Sinne fungiert Gott in Science and the Modern World als ‚limitierendes Prinzip‘, das den Möglichkeitshorizont aufspannt, innerhalb dessen sich wirklichkeitskonstituierende Prozesse selbstbestimmt realisieren können. Damit ist Gott als konstitutives Element der Wirklichkeit bestimmt. Freilich weist Whitehead darauf hin, dass ein solcher metaphysischer Gottesbegriff prinzipiell nicht abschließend bestimmbar ist, da Gott metaphysisch nur über seine Funktionen für die Welt charakterisiert werden kann (vgl. Johnson 1983). Darüberhinausgehende Bestimmungen Gottes können aber Whitehead zufolge der religiösen Erfahrung entnommen werden. Das Verhältnis von Metaphysik und religiöser Erfahrung bzw. Tradition wird in im Entwurf der Religionstheorie von Religion in the Making weiterentwickelt. Whitehead unterscheidet hier Stadien bzw. Typen von Religion, von denen ‚rationale Religion‘ sich dadurch auszeichnet, dass sie mit anderen Erfahrungsbereichen und bestimmten metaphysischen Grundeinsichten kompatibel ist und nach intellektueller Redlichkeit strebt. Whitehead grenzt sich dabei nicht nur gegen einseitige Deutungen des Gott-Welt-Verhältnisses ab (‚ostasiatisches Konzept‘, ‚semitisches Konzept‘, ‚pantheistisches Konzept‘), sondern modifiziert auch die Grundbestimmungen seines metaphysischen Gotteskonzepts. Zwar wird Gott auch in RM als Prinzip der Limitation der Möglichkeiten gedacht, aber dahingehend modifiziert, dass Gott nun als aktuale, aber nicht-zeitliche Entität aufgefasst wird. Zudem wird das Gotteskonzept mit einer allgemeinen Bestimmung ergänzt, die nach Whitehead allen religiösen Traditionen gemeinsam ist: Gott begrenzt nicht nur den Rahmen der Möglichkeiten, er ordnet sie auch als Werte für die Welt in harmonischer Weise.

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Gott

  • Tobias Müller

摘要

Die philosophische Kosmologie A. N. Whiteheads enthält einen metaphysischen Gottesbegriff, der in verschiedenen Werken Whiteheads modifiziert und entfaltet wird, bis er in Process and Reality seine endgültige Form erlangt (zu dieser Entwicklung Jung 1965, Ford 1984, Ford 2000, Müller 2009, Müller 2020). Eingeführt wird der Gottesbegriff in Science and the Modern World, nachdem Whitehead seinen naturphilosophischen Ansatz in The Concept of Nature um die Analyse der modalen Beziehung von Wirklichkeit und Möglichkeit erweitert hat. Damit wird zugleich ein ontologisches Problem generiert: Wenn den ‚actual entities‘ als konstitutiven Elementen der Wirklichkeit ein potentiell unendlicher Möglichkeitsraum für ihre Selbstrealisierung zur Verfügung steht, wird damit zwar die ontologische Bedingung für die Entstehung von Neuheit benannt, zugleich wird aber die Kontinuität der zeitlichen Entwicklung der Welt erklärungsbedürftig. Gesucht ist hier also nach einem kosmologischen Prinzip, das es erlaubt, den Möglichkeitsraum so zu begrenzen, dass die erfahrbare Kontinuität der kosmologischen Entfaltung gewahrt wird. Der Gottesbegriff kommt also in der Metaphysik Whiteheads dann in den Blick, wenn es um Funktionen geht, die nicht mehr innerhalb der Welt erklärbar sind. In diesem Sinne fungiert Gott in Science and the Modern World als ‚limitierendes Prinzip‘, das den Möglichkeitshorizont aufspannt, innerhalb dessen sich wirklichkeitskonstituierende Prozesse selbstbestimmt realisieren können. Damit ist Gott als konstitutives Element der Wirklichkeit bestimmt. Freilich weist Whitehead darauf hin, dass ein solcher metaphysischer Gottesbegriff prinzipiell nicht abschließend bestimmbar ist, da Gott metaphysisch nur über seine Funktionen für die Welt charakterisiert werden kann (vgl. Johnson 1983). Darüberhinausgehende Bestimmungen Gottes können aber Whitehead zufolge der religiösen Erfahrung entnommen werden. Das Verhältnis von Metaphysik und religiöser Erfahrung bzw. Tradition wird in im Entwurf der Religionstheorie von Religion in the Making weiterentwickelt. Whitehead unterscheidet hier Stadien bzw. Typen von Religion, von denen ‚rationale Religion‘ sich dadurch auszeichnet, dass sie mit anderen Erfahrungsbereichen und bestimmten metaphysischen Grundeinsichten kompatibel ist und nach intellektueller Redlichkeit strebt. Whitehead grenzt sich dabei nicht nur gegen einseitige Deutungen des Gott-Welt-Verhältnisses ab (‚ostasiatisches Konzept‘, ‚semitisches Konzept‘, ‚pantheistisches Konzept‘), sondern modifiziert auch die Grundbestimmungen seines metaphysischen Gotteskonzepts. Zwar wird Gott auch in RM als Prinzip der Limitation der Möglichkeiten gedacht, aber dahingehend modifiziert, dass Gott nun als aktuale, aber nicht-zeitliche Entität aufgefasst wird. Zudem wird das Gotteskonzept mit einer allgemeinen Bestimmung ergänzt, die nach Whitehead allen religiösen Traditionen gemeinsam ist: Gott begrenzt nicht nur den Rahmen der Möglichkeiten, er ordnet sie auch als Werte für die Welt in harmonischer Weise.