Die literarische Inszenierung von Vater- und Mutterfiguren im erzählerischen Werk von Hermann Hesse ist untrennbar mit der eigenen Herkunft, Familiengeschichte und Kindheit verbunden (vgl. Hilbert 2005). Bildungsbürgerliche Erziehungsideale, pietistische Frömmigkeit und protestantische Fleißethik sind die Ingredienzien der Entwicklung innerhalb der Missionarsfamilie des Autors. Trotz der krisenhaften Beziehungen, die viele von Hesses Charakteren mit ihren Elternhäusern und vor allem mit den Vätern unterhalten, wäre es überspitzt, das Verhältnis zu seiner Herkunft oder seinen Eltern als ausschließlich traumatisch und negativ zu bezeichnen. Das hat Hermann Hesse in Briefen an seine Familie immer wieder versichert. Aufgrund der aus dem Blickwinkel der Eltern disparaten (frühen) Entwicklung des angehenden Autors ist es dennoch nicht frei von Konflikten und Ambivalenzen (vgl. ebd.). Für das von Pflichterfüllung und Glaubenstreue geprägte Elternhaus waren die zahlreichen Schulwechsel und -abbrüche, die angegriffene Gesundheit, die depressiven Verstimmungen und beruflichen Desorientierungen des späteren Dichters oft ein Grund zur Besorgnis. Mit diesem Konfliktpotenzial reiht sich Hesse in eine lange Tradition von Schriftstellern und Künstlern ein, deren Herkunft von deutschen evangelischen Pfarrhäusern geprägt ist (vgl. Schöne 1958). Obgleich sein Vater kein Geistlicher, sondern Missionar war, existierte ein Wertehorizont, der sich bisweilen divergent zum Heranwachsen von Hesse verhielt und ihn auch synchron prägte. Hesse „fühlte in seiner Kindheit eine ständige Überforderung, die sich mit seiner ansonsten zärtlichen Erinnerung an die familiäre Geborgenheit und Wärme vermischte und ihr eine deutliche kritische Färbung verlieh“ (Freedman 1991, 39). Die semi-autobiographische und autofiktionale Sammlung Hinterlassene Schriften und Gedichte von Hermann Lauscher (1900) legt davon ein Zeugnis in Form von Gedichten und Prosaminiaturen ab und konzentriert sich in dem Abschnitt Meine Kindheit vor allem auf die Figur des Vaters und den Wunsch des Heranwachsenden nach Geborgenheit und Harmonie, der durch das Elternhaus nur bedingt erfüllt werden kann. Das heißt: „Sein bewußtes Heraufbeschwören jener frühen Jahre, wie es in seinen Gedichten, Erzählungen und Romanen immer wieder vorkommt, dreht sich hauptsächlich um die lichte, helle Welt der Zuneigung, freilich gedämpft durch die innere Moral, an der das Kind schon bald die ihm gesteckten Grenzen erfuhr“ (ebd.). Die vom Selbstverzicht und vom Wunsch nach musischer Kreativität getriebene Mutter und der pflichtbewusste und scheinbar heimatlose baltische Vater bilden das Umfeld des Heranwachsenden.

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Vater- und Mutter-Figuren

  • Torsten Voß

摘要

Die literarische Inszenierung von Vater- und Mutterfiguren im erzählerischen Werk von Hermann Hesse ist untrennbar mit der eigenen Herkunft, Familiengeschichte und Kindheit verbunden (vgl. Hilbert 2005). Bildungsbürgerliche Erziehungsideale, pietistische Frömmigkeit und protestantische Fleißethik sind die Ingredienzien der Entwicklung innerhalb der Missionarsfamilie des Autors. Trotz der krisenhaften Beziehungen, die viele von Hesses Charakteren mit ihren Elternhäusern und vor allem mit den Vätern unterhalten, wäre es überspitzt, das Verhältnis zu seiner Herkunft oder seinen Eltern als ausschließlich traumatisch und negativ zu bezeichnen. Das hat Hermann Hesse in Briefen an seine Familie immer wieder versichert. Aufgrund der aus dem Blickwinkel der Eltern disparaten (frühen) Entwicklung des angehenden Autors ist es dennoch nicht frei von Konflikten und Ambivalenzen (vgl. ebd.). Für das von Pflichterfüllung und Glaubenstreue geprägte Elternhaus waren die zahlreichen Schulwechsel und -abbrüche, die angegriffene Gesundheit, die depressiven Verstimmungen und beruflichen Desorientierungen des späteren Dichters oft ein Grund zur Besorgnis. Mit diesem Konfliktpotenzial reiht sich Hesse in eine lange Tradition von Schriftstellern und Künstlern ein, deren Herkunft von deutschen evangelischen Pfarrhäusern geprägt ist (vgl. Schöne 1958). Obgleich sein Vater kein Geistlicher, sondern Missionar war, existierte ein Wertehorizont, der sich bisweilen divergent zum Heranwachsen von Hesse verhielt und ihn auch synchron prägte. Hesse „fühlte in seiner Kindheit eine ständige Überforderung, die sich mit seiner ansonsten zärtlichen Erinnerung an die familiäre Geborgenheit und Wärme vermischte und ihr eine deutliche kritische Färbung verlieh“ (Freedman 1991, 39). Die semi-autobiographische und autofiktionale Sammlung Hinterlassene Schriften und Gedichte von Hermann Lauscher (1900) legt davon ein Zeugnis in Form von Gedichten und Prosaminiaturen ab und konzentriert sich in dem Abschnitt Meine Kindheit vor allem auf die Figur des Vaters und den Wunsch des Heranwachsenden nach Geborgenheit und Harmonie, der durch das Elternhaus nur bedingt erfüllt werden kann. Das heißt: „Sein bewußtes Heraufbeschwören jener frühen Jahre, wie es in seinen Gedichten, Erzählungen und Romanen immer wieder vorkommt, dreht sich hauptsächlich um die lichte, helle Welt der Zuneigung, freilich gedämpft durch die innere Moral, an der das Kind schon bald die ihm gesteckten Grenzen erfuhr“ (ebd.). Die vom Selbstverzicht und vom Wunsch nach musischer Kreativität getriebene Mutter und der pflichtbewusste und scheinbar heimatlose baltische Vater bilden das Umfeld des Heranwachsenden.