Von extremen Körpererfahrungen beim Klettern und Wandern berichten Hermann Hesses erstmals 1908 gedruckte Notizen In den Felsen. Sie stehen im Zusammenhang mit Hesses Aufenthalt in Arcegno im Tessin im Jahr 1907. Von einem Kletterausflug oberhalb des Walensees 1910 wiederum ist das ikonische Bild des Nacktkletterers Hesse überliefert. „Es ist Zeit, die Kleider anzulegen und zu gehen“ (11, 322), vermerkt das von der Naturerfahrung eher ernüchterte Textsubjekt am Ende des Notats zum Tessiner Aufenthalt. In zahllosen späteren Aufnahmen zeigt sich Hesse aber weiterhin als landschafts- und naturverbundener Künstler. Die berühmte, von seiner ersten Ehefrau Maria Bernoulli angefertigte Fotografie des unbekleideten Autors im Fels reiht sich ein in die ikonografische Überlieferung der um und nach 1900 erblühenden Bemühungen um eine veränderte Körperkultur im Umfeld der Lebensreform-Bewegung. Offenkundige und medial entsprechend präsentierte körperliche Normabweichung in Fragen der Körperbehaarung und der Bekleidung, der Ernährung und des Sexuallebens ist ein bestimmendes Merkmal der Lebensreform seit ihren Anfängen. Dass es gerade spezifische Körperpraktiken sind, die zum Signum der Lebensreform geworden sind, erklärt sich aus ihrem ideengeschichtlichen Hintergrund. So dient die Nacktkultur mit ihren Tänzen und Exerzitien nicht nur dem Versuch der ‚Heilung‘ von entfremdenden Modernisierungserfahrungen, sondern ist im Hinblick auf ihren sexuellen Akzent auch und vor allem zu verstehen als sichtbare Reaktion auf die unterstellte Leibfeindlichkeit des Christentums insbesondere in protestantischer Ausformung. Der in zahllosen Schriften und Gemeinschaften eingeforderte und praktizierte Vegetarismus und andere diätetische Postulate hingegen bilden die Kontaktzone der Lebensreform zum weitverbreiteten Phänomen der Bade- und anderer Kuren, wie sie auch in eher konservativen Teilen des Bürgertums gepflegt werden.

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Körperkultur und Lebensreform

  • Klaus Birnstiel

摘要

Von extremen Körpererfahrungen beim Klettern und Wandern berichten Hermann Hesses erstmals 1908 gedruckte Notizen In den Felsen. Sie stehen im Zusammenhang mit Hesses Aufenthalt in Arcegno im Tessin im Jahr 1907. Von einem Kletterausflug oberhalb des Walensees 1910 wiederum ist das ikonische Bild des Nacktkletterers Hesse überliefert. „Es ist Zeit, die Kleider anzulegen und zu gehen“ (11, 322), vermerkt das von der Naturerfahrung eher ernüchterte Textsubjekt am Ende des Notats zum Tessiner Aufenthalt. In zahllosen späteren Aufnahmen zeigt sich Hesse aber weiterhin als landschafts- und naturverbundener Künstler. Die berühmte, von seiner ersten Ehefrau Maria Bernoulli angefertigte Fotografie des unbekleideten Autors im Fels reiht sich ein in die ikonografische Überlieferung der um und nach 1900 erblühenden Bemühungen um eine veränderte Körperkultur im Umfeld der Lebensreform-Bewegung. Offenkundige und medial entsprechend präsentierte körperliche Normabweichung in Fragen der Körperbehaarung und der Bekleidung, der Ernährung und des Sexuallebens ist ein bestimmendes Merkmal der Lebensreform seit ihren Anfängen. Dass es gerade spezifische Körperpraktiken sind, die zum Signum der Lebensreform geworden sind, erklärt sich aus ihrem ideengeschichtlichen Hintergrund. So dient die Nacktkultur mit ihren Tänzen und Exerzitien nicht nur dem Versuch der ‚Heilung‘ von entfremdenden Modernisierungserfahrungen, sondern ist im Hinblick auf ihren sexuellen Akzent auch und vor allem zu verstehen als sichtbare Reaktion auf die unterstellte Leibfeindlichkeit des Christentums insbesondere in protestantischer Ausformung. Der in zahllosen Schriften und Gemeinschaften eingeforderte und praktizierte Vegetarismus und andere diätetische Postulate hingegen bilden die Kontaktzone der Lebensreform zum weitverbreiteten Phänomen der Bade- und anderer Kuren, wie sie auch in eher konservativen Teilen des Bürgertums gepflegt werden.