Hermann Hesses Herkunft ist religiös geprägt vom schwäbischen Pietismus, väterlicher- wie mütterlicherseits entstammt er einer Missionarsfamilie. Seine Auseinandersetzung mit der christlichen Religion seiner Eltern beginnt früh und entzündete sich am Konflikt zwischen der ihm von der Familie zugedachten Pfarrer- oder Missionslaufbahn und seinen literarischen Neigungen: Seit seinem 13. Lebensjahr wollte er „entweder ein Dichter oder gar nichts werden“ (12, 48). In ihrem Briefwechsel ist die tiefe Kluft zwischen der Glaubenswelt der Calwer Verwandten und seinen unverstandenen Dichterträumen gut dokumentiert: 14-jährig entflieht er dem evangelischen Seminar in der Klosterschule Maulbronn, wo er aufs Theologiestudium im Tübinger Stift vorbereitet werden soll; in Bad Boll bei Pfarrer Christoph Blumhardt, dem Sohn eines schwäbisch-pietistischen Gebetsheilers und Teufelsaustreibers, unternimmt er einen Selbstmordversuch und wird in die Nervenheilanstalt Stetten eingewiesen, wo man ihm das Romanlesen verbietet. Diese Adoleszenzkonflikte wie das Ringen um einen eigenen Lebensweg verdichtet Hesses Erzählung Unterm Rad (1906) zum Kampf gegen Gehorsamszwang und Fremdbestimmung, ja zur Verteidigung von Persönlichkeit und Eigensinn als dem „Recht, ein Individuum zu sein“ (Drewermann 2019, 76).

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Christliche Religion und Kirche

  • Christoph Gellner

摘要

Hermann Hesses Herkunft ist religiös geprägt vom schwäbischen Pietismus, väterlicher- wie mütterlicherseits entstammt er einer Missionarsfamilie. Seine Auseinandersetzung mit der christlichen Religion seiner Eltern beginnt früh und entzündete sich am Konflikt zwischen der ihm von der Familie zugedachten Pfarrer- oder Missionslaufbahn und seinen literarischen Neigungen: Seit seinem 13. Lebensjahr wollte er „entweder ein Dichter oder gar nichts werden“ (12, 48). In ihrem Briefwechsel ist die tiefe Kluft zwischen der Glaubenswelt der Calwer Verwandten und seinen unverstandenen Dichterträumen gut dokumentiert: 14-jährig entflieht er dem evangelischen Seminar in der Klosterschule Maulbronn, wo er aufs Theologiestudium im Tübinger Stift vorbereitet werden soll; in Bad Boll bei Pfarrer Christoph Blumhardt, dem Sohn eines schwäbisch-pietistischen Gebetsheilers und Teufelsaustreibers, unternimmt er einen Selbstmordversuch und wird in die Nervenheilanstalt Stetten eingewiesen, wo man ihm das Romanlesen verbietet. Diese Adoleszenzkonflikte wie das Ringen um einen eigenen Lebensweg verdichtet Hesses Erzählung Unterm Rad (1906) zum Kampf gegen Gehorsamszwang und Fremdbestimmung, ja zur Verteidigung von Persönlichkeit und Eigensinn als dem „Recht, ein Individuum zu sein“ (Drewermann 2019, 76).