Der Steppenwolf (1927)
摘要
Der Steppenwolf, Hesses bekanntestes Prosawerk, erschien im Juni 1927 bei S. Fischer in einer Startauflage von zunächst vorsichtigen 15.000 Exemplaren. Trotz eines enthusiastischen Votums des Lektors Oskar Loerke war Samuel Fischer gegenüber der provokanten Tonlage des neuen Werks skeptisch eingestellt, doch ließ der Verleger aufgrund des hohen Absatzes noch im selben Jahr Nachauflagen von weiteren 10.000 Exemplaren drucken (vgl. Koester 2005, 65 f.). Die erste von der Literarischen Welt für Deutschland überhaupt veröffentlichte „Bestseller-Liste“, Indiz einer flagranten Kommerzialisierung des Buchmarktes, führt im September 1927 Hesses Steppenwolf als Spitzentitel nach Verkaufszahlen an (vgl. Hamann 2004a, 25). Wie bei früheren Werken insistierte der Verfasser auf der Gattungsbezeichnung Erzählung, doch weist der umfangreiche Text etliche Strukturmerkmale der Gattung Roman auf, wie insbesondere ein breit angelegtes Figurenensemble, eine tiefenscharfe Schilderung des zeitgeschichtlichen Hintergrunds, eine über einen längeren Zeitraum geführte Erzählstrecke, welche biographische Schlüsselstationen aus dem Leben der Hauptfigur wiedergibt, und schließlich eine perspektivisch aufgefächerte, (im Sinne Michail Bachtins) „vielstimmige“ (Decker 2006, S. 233 f.) und durch mehrere Rahmungsebenen untergliederte Darstellungsweise. Aufgrund seiner pointierten Schilderung der gesellschaftlichen und kulturellen Umbruchprozesse während der 1920er-Jahre lässt sich der Steppenwolf mit Fug und Recht als Zeitroman bezeichnen, der mit unmittelbaren Gegenwartsbezügen auf das Großstadtleben (vgl. Freedman 1982, 359) das komplexe Spannungsgeflecht von Kriegsniederlage, Modernisierungstendenzen und aufkommender rechtsnationalistischer Militanz sondiert (vgl. Hollis 1978; Delabar 2004; Swales 2009), insofern in eine Reihe zu stellen etwa mit Joseph Roths Roman Flucht ohne Ende (1927), Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz (1929), Erich Kästners Fabian (1931) und Irmgard Keuns Das kunstseidene Mädchen (1932).