Das Verhältnis von musikalischer Analyse und musikalischer Interpretation wird in Musiktheorie, Musikwissenschaft und musikalischer Praxis seit Langem kontrovers diskutiert. Strittig ist dabei nicht nur, ob und wie sich beide Bereiche gegenseitig befruchten können und sollten, sondern auch, in welchem Maße und auf welche Weise dies tatsächlich geschieht. Um sich einen Überblick über die Spannweite des Feldes zu verschaffen, wird der Blick zunächst auf ausgewählte Stationen der Diskursgeschichte gerichtet. Die anschließenden kurzen Fallstudien widmen sich einem Bereich, der in der wissenschaftlichen Diskussion lange Zeit ein Schattendasein geführt hat: die Analysepraxis von Interpretinnen und Interpreten. Anhand unterschiedlicher Quellentypen und medialer Darstellungsformen werden dabei zwei verschiedene Felder fokussiert: die Rolle, die der Analyse im Prozess des Werkstudiums eingeräumt wird, sowie der Einbezug von Analyse im Prozess der Werkvermittlung. Bei den gewählten Beispielen handelt es sich um (1) Ferruccio Busonis instruktive Ausgabe des Wohltemperierten Klaviers; (2) ein Lecture-Recital zu Beethovens Streichquartett op. 132 von Walter Levin mit dem Artemis Quartett; (3) Claudio Abbados »mnemotechnische Landkarten« und (4) ein multimediales Projekt zur Klaviermusik György Ligetis mit Pierre-Laurent Aimard. Abschließend wird das komplexe Verhältnis von Analyse und Interpretation nochmals als Ganzes in den Blick genommen, um die Fallstudien zu kontextualisieren und einige Desiderate und Forschungsfelder zu benennen.

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Analyse und Interpretation

  • Tobias Bleek

摘要

Das Verhältnis von musikalischer Analyse und musikalischer Interpretation wird in Musiktheorie, Musikwissenschaft und musikalischer Praxis seit Langem kontrovers diskutiert. Strittig ist dabei nicht nur, ob und wie sich beide Bereiche gegenseitig befruchten können und sollten, sondern auch, in welchem Maße und auf welche Weise dies tatsächlich geschieht. Um sich einen Überblick über die Spannweite des Feldes zu verschaffen, wird der Blick zunächst auf ausgewählte Stationen der Diskursgeschichte gerichtet. Die anschließenden kurzen Fallstudien widmen sich einem Bereich, der in der wissenschaftlichen Diskussion lange Zeit ein Schattendasein geführt hat: die Analysepraxis von Interpretinnen und Interpreten. Anhand unterschiedlicher Quellentypen und medialer Darstellungsformen werden dabei zwei verschiedene Felder fokussiert: die Rolle, die der Analyse im Prozess des Werkstudiums eingeräumt wird, sowie der Einbezug von Analyse im Prozess der Werkvermittlung. Bei den gewählten Beispielen handelt es sich um (1) Ferruccio Busonis instruktive Ausgabe des Wohltemperierten Klaviers; (2) ein Lecture-Recital zu Beethovens Streichquartett op. 132 von Walter Levin mit dem Artemis Quartett; (3) Claudio Abbados »mnemotechnische Landkarten« und (4) ein multimediales Projekt zur Klaviermusik György Ligetis mit Pierre-Laurent Aimard. Abschließend wird das komplexe Verhältnis von Analyse und Interpretation nochmals als Ganzes in den Blick genommen, um die Fallstudien zu kontextualisieren und einige Desiderate und Forschungsfelder zu benennen.