Hermeneutik
摘要
Ausgehend von drei Beispielen musikalischer Hermeneutik aus den 1990er-Jahren entwickelt dieses Kapitel eine kritische Neubestimmung und historische Verortung musikwissenschaftlicher Hermeneutik. Als Verstehenskunst (Schleiermacher) erhob Hermeneutik lange den Anspruch, allgemeingültige Methoden der Textauslegung zur Verfügung zu stellen, und wurde vor allem in der Theologie, der Rechtsprechung und der klassischen Philologie angewandt. Ein Teil dieses normativen Anspruchs wurde auch in die musikwissenschaftliche Anwendung hermeneutischer Prämissen übertragen, wie es vor allem die Hermeneutik Hermann Kretzschmars im frühen 20. Jahrhundert repräsentiert. Das Kapitel arbeitet im Lichte äußerst verschiedener Beispiele aus dem historischen Zeitraum vom Mittelalter bis in das 21. Jahrhundert hinein verschiedene Desiderata und epistemologische Fallen musikwissenschaftlicher Hermeneutik auf, indem traditionell in der hermeneutischen Analyse vernachlässigte Aspekte wie Aufführungspraxis, Philologie und Skizzenforschung in die Analyse einbezogen werden. Der historische Abriss hermeneutischer Praxis in Musiktheorie und Musikwissenschaft integriert europäische und nordamerikanische Diskurse, die im Zuge des New Criticism hermeneutische Praktiken als kritische Antwort auf eine zu formalisierte Analysepraxis ins Spiel brachten.