Erzählte Vergangenheit – „Dietegen“ und das Mittelalter in Gottfried Kellers Gegenwart
摘要
Im historischen Erzählen verbinden sich Fakten und Fiktion in vielfacher Weise. Auch Gottfried Keller betrieb im Umgang mit historischen Stoffen meist ausgiebige Quellenstudien, gleichzeitig betonte er aber die Eigengesetzlichkeit der Literatur. Exemplarisch dafür stehen die stofflich gut dokumentierten Züricher Novellen (1877). Auffallend unbeachtet blieb hingegen die Novelle Dietegen. Sie spielt in der Zeit der Burgunder- und Mailänderkriege und erschien 1874 in der erweiterten Fassung der Leute von Seldwyla. Dass „Seldwyla“ als fiktiver Ort vorgestellt wird, dürfte wesentlich zu einer enthistorisierenden Lesart beigetragen haben. Eine Relektüre fördert denn auch Überraschendes zutage. Es zeigt sich nicht nur, wie Keller Objekte, Figuren und Handlungschausplätze literarisiert, die in der zeitgenössischen Geschichtswissenschaft verhandelt werden, sondern auch, dass er in der erzählten Vergangenheit seine eigene Gegenwart spiegelt. Indirekt bezieht der Staatsschreiber der Zürcher Regierung dabei Stellung gegen die Wiedereinführung der Todesstrafe, die Mitte der 1870er Jahre auch in der Stadt Zürich heftig diskutiert wurde.