Verhaltenslehren des bürgerlichen Zeitalters – „Die Leute von Seldwyla“
摘要
Ohne dass man Gottfried Keller in seiner Künstler-Persönlichkeit damit schon gerecht würde, kann man ihn als den großen Schweizer Vertreter eines ‚Common Sense‘-Realismus bezeichnen, der klug abzuwägen versteht, aber trotzdem auch etliche Ecken und Kanten bietet. Die stilistischen Besonderheiten und moralischen Stärken seiner Prosa sind dabei gar nicht so leicht zu entdecken. Skeptisch gegenüber metaphysischen Heilsversprechen oder sonstigen Tröstungen richten sich insbesondere die Erzählungen aus dem zweibändigen Novellenzyklus Die Leute von Seldwyla (1856, 1873/74) auf die Wechselfälle und Steuerungsprobleme innerhalb eines den bürgerlichen Alltag bestimmenden Arbeitslebens und Geschäftsverkehrs. Typisch sind die hier beschriebenen Verhältnisse, indem sie etwas ziemlich Durchschnittliches in Szene setzen, ein Gewohnheitsgefühl zum Ausdruck bringen. Sie exponieren offenkundig Wertvorstellungen des Bürgertums, die sie zugleich hintertreiben, und präsentieren Fallgeschichten, die nur scheinbar auf eine einfache Moral hinauslaufen. Was die Qualität von Kellers Realismus ausmacht, ist hier exemplarisch greifbar.