Vereinnahmungsversuche – Gottfried Keller, Georg Lukács und der sozialistische Realismus
摘要
Georg Lukács war überzeugt, dass der Realismus die einzig angemessene Stilform für die Widerspiegelung der gesellschaftlichen Wirklichkeit in ihren historischen Etappen darstelle. In seinen literaturwissenschaftlichen Arbeiten war er stets auf der Suche nach Belegen, die seine These stützten. Bei Gottfried Keller wurde er fündig. In dieser Einschätzung traf sich Lukács mit der Kulturpolitik des sowjetischen Literaturbetriebs: 1934 erschien auf dem Höhepunkt des Stalinismus ein Band mit Kellers Prosa, begleitet von einer sorgfältigen ideologischen Einordnung. Aus Lukács’ Sicht war Kellers Prosa nach 1848 nicht vom Niedergang der deutschen Literatur im reaktionären Preußentum betroffen. Lukács sah es jedoch als gegeben an, dass Keller seine realistische Kunst nur in der Novelle umsetzen konnte, weil ihm das Bewusstsein für die größeren historischen Zusammenhänge fehlte. Als Vorbote einer neuen Romankunst begrüßte Lukács Alexander Solschenizyn. Damit stellte Lukács Solschenizyn auf eine Ebene mit Dostojewski, den er bereits 1916 in der Theorie des Romans als Überwinder des bürgerlichen Romans gefeiert hatte.