Kunstwissenschaft
摘要
Wenn es heutzutage um das Design geht, um seine Theorie oder Praxis, dann steht die Kunstwissenschaft mit ihren Fragestellungen, Thesen und Methoden oft abseits des Diskurses. Freilich kommt es darauf an, wer den Diskurs führt. Denn wenn er innerhalb der Disziplin der Kunstwissenschaft geführt wird, steht die Disziplin nicht im Abseits. Nur beteiligt sie sich nach wie vor wenig am Designdiskurs. An dem Befund ändert auch die aus der Kunstwissenschaft hervorgegangene Bildwissenschaft wenig, zu deren frühen Vertretern avant la lettre Alois Riegl (1858–1905), John Dewey (1859–1952) oder Aby Warburg (1866–1929) zählen. Sie lehnt die Unterscheidung in Hochkunst und Kunsthandwerk, Angewandte Kunst bzw. Design ab. Sie versucht eine Hierarchie der Künste zu überwinden. Doch im Wesentlichen ist die Kunstwissenschaft immer noch einem traditionalistischen Kunstbegriff zugetan, der Hochkunst (high art) von der angewandten, niederen Kunst (low art) absetzt. Nicht zu leugnen ist, dass es viele Ausnahmen gibt, die die Regel bestätigen, zu denen die erwähnten Bildwissenschaften ebenso zählen wie z. B. Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker, die Designmuseen leiten. Doch repräsentieren sie rein quantitativ nicht die Zunft der Kunstwissenschaft. Kurzum: Im Gravitationsfeld der Kunstwissenschaft zählt die Beschäftigung mit der Angewandten Kunst bzw. dem Design selbstverständlich dazu, kann aber bislang im Fach eher nur ein Nischendasein beanspruchen. Umgekehrt hat die Kunstwissenschaft innerhalb der Designwissenschaft auch kein selbstverständliches Gastrecht, scheinen Methodenfragen und Erkenntnisse der letzten ca. 170 Jahre Disziplingeschichte nur wenig zu verfangen. Um nur ein vielsagendes Beispiel zu geben: Die sog. ‚Semantische Wende‘ in der Designwissenschaft seit den 1980er-Jahren beschäftigt sich mit der Sinndeutung von (anwendungsorientierten) Artefakten, mithin der Produktsprache. Sie meidet aber jegliche Bezugnahme auf die seit 100 Jahre währende Methodendiskussion der Kunstwissenschaft zu Ikonografie und Ikonologie. Mit ihrer berührungslosen Parallelität der Fragestellung haben sich beide Disziplinen keinen Gefallen getan. Dass sie getrennt auftreten, liegt v. a. auch daran, dass sich Kunst und Design in der Frühneuzeit zunehmend voneinander entfernt haben. Bestrebungen, der jeweils eigenen Disziplin Profilschärfe zu verleihen, haben v. a. nach 1945 den trennenden Graben vertieft. Der Blick auf diese ‚Große Divergenz‘ von Kunst und Design hin zur Design-Kunst-Dichotomie hilft die Ursachen der Trennungsgeschichte zu verstehen und regt an zu Überlegungen, inwieweit eine erneute, kritische Annäherung beider Disziplinen, jenseits der Mythen und Klischees, dazu beitragen könnte, neoliberalen oder solutionistischen Deutungsmustern etwas Gehaltvolles entgegenzusetzen.