Religion und Vernunft
摘要
Bezogen auf die komplexe Diskurslage zum Verhältnis von Religion und Vernunft siedelt der vorliegende Artikel die derzeit vertretenen Positionen auf einer Skala an, die von der Unterstellung einer konstitutiven Irrationalität alles Religiösen auf der einen Seite über die Annahme a-rationaler Überhänge religiöser Traditionen bis hin zur Auffassung von Religion als einer elementaren Vernunftleistung in der Selbstverständigung bewussten Lebens auf der anderen Seite reicht. Letztere Auffassung vertritt der Vf. selbst, und zwar i.S. eines christlichen Panentheismus. Im Anschluss an D. Henrich wird zunächst gezeigt, dass die Frage nach dem Verhältnis von Religion und Vernunft bereits in der Welt- und Selbstbeschreibung des Menschen wesenhaft verankert ist, und zwar insofern sich letzterer immer zugleich als Subjekt wie als Person begreifen muss. Aus dieser unübersteigbaren Oszillationsnötigung ergeben sich zwei Grundformen von Religiosität: Entweder transzendiert das Selbstbewusstsein sein Personsein zugunsten der von der Denkform der Einmaligkeit bestimmten Subjektdimension und bindet sich an einen überindividuell gedachten Wirklichkeitsgrund; idealtypisch begegnet ein solcher ontologischer Monismus in den fernöstlichen bzw. polytheistischen Hochreligionen. Oder das Selbstbewusstsein übersteigt seine Subjektdimension zugunsten seines Personseins und des für dieses charakteristischen Einzelnseins unter vielen anderen Seienden; dann erfolgt diese Selbstverständigung im Horizont des Gedankens einer Ordnung dieses Seienden durch ein höchstes Seiendes, welches selbst Person ist. Dieses Paradigma einer pluralistischen (weil mit vielen Seienden operierenden) Ontologie prägt die monotheistischen Religionen. Die Dreifachthese lautet dann: (1) Gerade eine solche selbstbewusstseinstheoretische Reformulierung des Religionsproblems vermag religionstheologische Potenziale freizusetzen, die die ein gespielten Modellbildungen der Religionstheologie – Exklusivismus, Inklusivismus und Pluralismus – im Ansatz zu unterlaufen vermögen, und zwar durch Benennung eines gemeinsamen Plateaus, das den Religionen über alle ihre Differenzen hinweg unterstellt werden kann: dass es in ihnen um eine Selbstverständigung von Selbstbewusstsein im Sinn eines Glückens der Vermittlung zwischen weltsetzender Einmaligkeit und kontingenter Bedeutungslosigkeit seiner selbst im Raum der unabsehbaren Zahl zur Welt gehörender Einzeldinge geht. (2) Die Wahrheit bzw. Vernunftfähigkeit einer Religion bemisst sich genau daran, inwieweit trotz des Vorrangs des einen Gliedes die jeweils untergeordnete Dimension als sie selbst in der Vermittlung gegenwärtig bleibt: Jede Religionsform, die entweder die Einzelheit von der nicht-objektiven Einmaligkeit absorbieren oder die umgekehrt die Einmaligkeit in der Einzelheit aufgehen ließe, erwiese sich demgemäß als defizitär. (3) Panentheistisch reinterpretiert erfüllt das Christentum diese Bedingung in paradigmatischer Weise.