Die Geschichtskulturen der westdeutschen Friedensbewegung der 1960er-Jahre: Ein Lernprozess?
摘要
In diesem Kapitel werden die Geschichtskulturen der ersten außerparlamentarischen, zum Teil sogar außerinstitutionellen Massenbewegung in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland beleuchtet: die westdeutsche Friedensbewegung der 1960er-Jahre, die sich um die Wende der 1950/60er-Jahre in der sogenannten Ostermarschbewegung gegen Atomwaffen neu formierte. Angefangen als christlich-pazifistische Bewegung gegen Atomwaffen, entwickelte sie sich zu einer zunehmend kritischen Sammlungsbewegung mit Massencharakter, die schließlich ihre Agenda um die aufkommenden Themen des Vietnamkriegs und des Notstandsrechts in der bipolaren Weltordnung des Kalten Krieges erweiterte. Indem die Autorin drei Phasen eines unterschiedlichen Entwicklungsstandes des Geschichtsbewusstseins bzw. der Nutzbarmachung von Geschichte der Bewegung nachzeichnet, argumentiert sie, dass die Auslöser für diese Veränderungsprozesse in der Geschichtskultur zu finden sind, die von verschiedenen Personengruppen, die sich im Laufe der Zeit der Bewegung anschlossen, eingebracht wurden. Die erste Phase (1960–61/62) war durch eine moralische Geschichtskultur gekennzeichnet, die den politischen Schweigekonsens der Nachkriegszeit in Frage stellte. In einer zweiten Phase (1961/62–64) kamen marxistische Geschichtskulturen in die Bewegung und führten zu einem Lernprozess im Hinblick auf das Verständnis der demokratischen Verantwortung der eigenen Arbeit. In der letzten Phase (1964–69) transformierten diese marxistischen Geschichtskulturen den Friedensaktivismus der Bewegung grundlegend, sodass sie ihre Politik mehr und mehr in Richtung einer offensichtlichen Sozialkritik verlagerte. Gleichzeitig wurde es indes immer schwieriger, den Status einer Sammlungssbewegung beizubehalten.