Raubdrucke einer Revolution: Neomarxistische Interpretationen der Novemberrevolution als Herausforderung für die Historiographie des Kalten Krieges
摘要
Wie erinnert man sich an eine Revolution? Dieses Kapitel befasst sich mit der schwierigen Erinnerung an die deutsche Revolution von 1918/1919. Ihre Geschichte polarisierte während der Weimarer Republik und des Kalten Krieges, die Interpretation der Ereignisse war entscheidend für die Identität einer Neuen Marxistischen Linken in Westdeutschland. Unter den Mitgliedern dieser Neuen Linken wurde die Novemberrevoltion als gescheiterte oder „verratene“ Revolution angesehen. Das Leitmotiv eines unerfüllten Versprechens stand im Gegensatz zum dominierenden Narrativ liberaler und sozialdemokratischer Autoren. Sie stellten die Revolution von 1918 als Erfolg dar, denn ihr Ergebnis war die erste deutsche Demokratie. Die Weimarer Verfassung von 1919 wurde als Kompromiss zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum gesehen, der eine „Sowjetdiktatur“ verhinderte. Diese Interpretation identifizierte sowohl die Bewegung der Arbeiterräte als auch den Spartakusbund von Rosa Luxemburg mit dem Staatssozialismus der DDR. Ironischerweise fand diese Identifizierung ihre Parallele in der ostdeutschen Geschichtsschreibung: Die regierende Sozialistische Einheitspartei der DDR (SED) nahm für sich in Anspruch, die berechtigten Forderungen von 1918 erfüllt zu haben und berief sich auf den Spartakusbund und die Arbeiterräte. Im Kalten Krieg war die Erinnerung an 1918 eine staatstragende Angelegenheit Um aus diesem Korsett auszubrechen, wurden Raubkopien von historischen Publikationen der Zwischenkriegszeit für die Neue Linke in Westdeutschland wichtig. Anders als in Frankreich und Italien oder auch in Großbritannien, wo die Interpretation historischer oder theoretischer Konzepte des Marxismus in einer kommunistischen Partei erfolgte oder sich an dieser rieb, waren die deutschen jungen Radikalen mit den Texten allein gelassen.