Angesichts des relationalen Charakters von Schulden und Moral kann die französische Konkursdebatte während der Revolution von 1848 und der Zweiten Republik als Indikator für strukturelle und diskursive Herausforderungen gelesen werden, denen traditionelle Formen der Moralisierung der Ökonomie der Schulden im Zeitalter des Kapitals unterworfen wurden. Gesetzgeber und Zivilgesellschaft diskutierten den Konkurs zwar als Grundsatzfrage (Funktionalität des Handels, Gemeinwohl, öffentlicher Kredit), aber ihr moralisierender Diskurs bezog sich immer auf soziale Normen, die durch Konvention und gängige Praxis moralisch waren, nicht durch ethische Überlegungen und universelle Gültigkeit. Der Artikel argumentiert, dass die Schulden eines Bankrotteurs gerade deshalb ein moralisches Problem darstellten, weil Schulden im Allgemeinen ein integraler Bestandteil des Wirtschaftssystems waren. Auch wenn im 19. Jahrhundert die traditionellen Instrumente der wirtschaftlichen Moralisierung – diskursive, symbolische und physische Ausgrenzung – sowohl ihre Legitimität als auch ihre Dynamik verloren, ging es bei der Moralisierung des Bankrotts weiterhin darum, eine Brandmauer zwischen zusammengebrochenen Unternehmen und einer legitimen Kultur der Verschuldung zu errichten.

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Konkurs und Moral in einer kapitalistischen Marktwirtschaft: Der Fall Frankreich Mitte des 19. Jahrhunderts

  • Jürgen Finger

摘要

Angesichts des relationalen Charakters von Schulden und Moral kann die französische Konkursdebatte während der Revolution von 1848 und der Zweiten Republik als Indikator für strukturelle und diskursive Herausforderungen gelesen werden, denen traditionelle Formen der Moralisierung der Ökonomie der Schulden im Zeitalter des Kapitals unterworfen wurden. Gesetzgeber und Zivilgesellschaft diskutierten den Konkurs zwar als Grundsatzfrage (Funktionalität des Handels, Gemeinwohl, öffentlicher Kredit), aber ihr moralisierender Diskurs bezog sich immer auf soziale Normen, die durch Konvention und gängige Praxis moralisch waren, nicht durch ethische Überlegungen und universelle Gültigkeit. Der Artikel argumentiert, dass die Schulden eines Bankrotteurs gerade deshalb ein moralisches Problem darstellten, weil Schulden im Allgemeinen ein integraler Bestandteil des Wirtschaftssystems waren. Auch wenn im 19. Jahrhundert die traditionellen Instrumente der wirtschaftlichen Moralisierung – diskursive, symbolische und physische Ausgrenzung – sowohl ihre Legitimität als auch ihre Dynamik verloren, ging es bei der Moralisierung des Bankrotts weiterhin darum, eine Brandmauer zwischen zusammengebrochenen Unternehmen und einer legitimen Kultur der Verschuldung zu errichten.