Die an Lotze anknüpfenden Werttheorien
摘要
Wir sahen, daß in Lotzes uneinheitlichen Äußerungen sich verschiedene Anknüpfungspunkte für Fortbildungen seiner Lehren vorfinden. Windelband hält sich einerseits mehr an den rudimentären Transzendentalismus in Lotzes System, andererseits verwischt er die Scheidung von Wahrheit und Wert, vielleicht mitbestimmt durch Lotze, der im Mikrokosmos gegen Ende alles Wahre aus dem Guten ableiten möchte. In seiner Einleitung in die Philosophie (3. Aufl., 1923, S. 255) hält Windelband es für nötig, „über die historischen Formen des nötigen Gesamtbewußtseins hinaus ein Normalbewußtsein zu denken, für welches diese Werte eben Werte sind“. „Der Wert an sich deutet auf dasselbe Normalbewußtsein hin, das der Erkenntnistheorie als Korrelat zu dem Gegenstande an sich vorschwebt.“ Dieses Normalbewußtsein – zugleich der Gegenstand der philosophischen Wissenschaft – sei kein empirisches Bewußtsein, seine Feststellung keine metaphysische Erkenntnis, sondern ein Postulat. Postulate aber sind nach den Präludien (Bd. II 71921) teleologisch zu entwickelnde Grundsätze, weder beweisbar noch einsichtig. „Du willst die Wahrheit“, sagt Windelband, „besinne dich – du mußt die Geltung dieser Normen wollen, wenn dieser Wunsch je erfüllt werden soll.“ Hiemit hat Windelband die Bahn der Wissenschaft verlassen und sich einer Postulatendiktatur ergeben, deren heillose Früchte heute auch auf naturphilosophischem Gebiete geerntet werden. Was nun jenes angebliche Normalbewußtsein betrifft, zu dessen Annahme sich Windelband genötigt sieht, so wissen wir, was ihn bestimmt, ein solches zu fingieren. „Der Sinn der Wahrheit“, so sagt uns seine Einleitung, „verlangt stets eine Geltung an sich ohne Beziehung auf ein Bewußtsein oder wenigstens auf ein empirisches Bewußtsein.“ Man merkt diesem Satze die Verlegenheit an, aus der er entsprungen ist. Man spricht von Wahrheit, die gilt, auch wenn kein empirisches Bewußtsein ihr als Korrelat entspricht. Denn der Satz 2 × 2 = 4 ist, wie Lotze sagt, wahr, ob ihn ein empirisches Bewußtsein denkt oder nicht. Andererseits erheischt die Korrelations- und Adäquationstheorie unweigerlich ein Bewußtsein, und so wird denn ein nicht empirisches an die Stelle des empirischen Bewußtseins gesetzt. Aber da das wissenschaftliche Gewissen Windelbands ihm doch nicht gestattet, dieses nicht empirische Bewußtsein als beweisbar oder unmittelbar sicher anzunehmen, so greift er zu Postulaten, ja zum „persönlichen Glauben“. Die Schwierigkeit ist in unzulässiger Weise umgangen; wie sie zu lösen ist, haben wir bereits ausgeführt (vgl. oben S. 196) und kommen noch darauf zurück. Windelband ist dort dem richtigen Standpunkt am nächsten, wo er fordert, daß der Philosoph das empirische Bewußtsein zu durchforschen habe, „um festzustellen, an welchen Punkten darin jene unmittelbare Evidenz normativer Allgemeingültigkeit hervorspringt“. Um so seltsamer, daß er an anderer Stelle die Psychologie von der Philosophie losreißt und nicht einsieht, daß jene Disziplinen, die er, den drei Kritiken folgend, allein als philosophische Disziplinen gelten läßt, weil alle anderen Gruppen von Gegenständen durch besondere Wissenschaften besetzt seien, nämlich Logik, Ethik und Ästhetik, in der Psychologie und nirgend anderswo verankert sind. Anton Marty hat die gleiche Frage „Was ist Philosophie?“ in seinem Rektoratsvortrag 1896 (jetzt in seinen Gesammelten Schriften) in weit vollkommenerer Weise beantwortet.