<p>Dieser Artikel untersucht, wie Richard Wilhelms deutsche Übersetzung des <i>Lunyu</i> (<i>Die Gespräche des Konfuzius</i>) von 1910 durch gezielt eingesetzte paratextuelle Strategien erfolgreich als ein Werk umgeschrieben wurde, das den „philosophischen Klassiker“ der deutschen Kultur des frühen 20. Jahrhunderts widerspiegelt. Unter Verwendung von André Lefeveres Theorie der Umschreibung und Gérard Genettes Paratexttheorie wird aufgezeigt, dass Wilhelm, angesichts der gewaltigen Kluft zwischen der Autorenschaft, der Textform und den intellektuellen Inhalten des <i>Lunyu</i> und den normativen Erwartungen der Zielkultur, nicht nur passiv übersetzte, sondern als aktiver kultureller Akteur den Text manipulierend umgestaltete. So rekonzipierte er den Konfuzius im Titel als „philosophischen Meister“ und verwandelte die „Sammlung von Sprüchen“ durch ausführliche akademische Gestaltung in ein „wissenschaftliches Standardwerk“. Darüber hinaus integrierte er im Vorwort und in der Einleitung sowie in den Kommentaren einen kantianisch geprägten philosophischen Diskurs, um die Diskrepanzen in den Denksystemen zu überbrücken. Diese ineinandergreifenden paratextuellen Umgestaltungen bilden letztlich ein Kulturprojekt, das einem spezifischen ideologischen Ziel dient: die Aufwertung des Konfuzianismus im Westen. Die Studie verdeutlicht die starke formende Kraft der Übersetzung in der interkulturellen Kanonbildung und illustriert, welche entscheidende Rolle paratextuelle Umgestaltungen in der Kanonisierung einnehmen, wenn der Ausgangstext in einem strukturellen Konflikt mit den klassischen Normen der Zielkultur steht.</p>

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Die Umschreibung des Klassikers: Paratextuelle Strategien und die Kanonisierung von Richard Wilhelms deutscher Übersetzung des Lunyu

  • Nana Pang,
  • Ruining Jiang,
  • Xiaoyan Li

摘要

Dieser Artikel untersucht, wie Richard Wilhelms deutsche Übersetzung des Lunyu (Die Gespräche des Konfuzius) von 1910 durch gezielt eingesetzte paratextuelle Strategien erfolgreich als ein Werk umgeschrieben wurde, das den „philosophischen Klassiker“ der deutschen Kultur des frühen 20. Jahrhunderts widerspiegelt. Unter Verwendung von André Lefeveres Theorie der Umschreibung und Gérard Genettes Paratexttheorie wird aufgezeigt, dass Wilhelm, angesichts der gewaltigen Kluft zwischen der Autorenschaft, der Textform und den intellektuellen Inhalten des Lunyu und den normativen Erwartungen der Zielkultur, nicht nur passiv übersetzte, sondern als aktiver kultureller Akteur den Text manipulierend umgestaltete. So rekonzipierte er den Konfuzius im Titel als „philosophischen Meister“ und verwandelte die „Sammlung von Sprüchen“ durch ausführliche akademische Gestaltung in ein „wissenschaftliches Standardwerk“. Darüber hinaus integrierte er im Vorwort und in der Einleitung sowie in den Kommentaren einen kantianisch geprägten philosophischen Diskurs, um die Diskrepanzen in den Denksystemen zu überbrücken. Diese ineinandergreifenden paratextuellen Umgestaltungen bilden letztlich ein Kulturprojekt, das einem spezifischen ideologischen Ziel dient: die Aufwertung des Konfuzianismus im Westen. Die Studie verdeutlicht die starke formende Kraft der Übersetzung in der interkulturellen Kanonbildung und illustriert, welche entscheidende Rolle paratextuelle Umgestaltungen in der Kanonisierung einnehmen, wenn der Ausgangstext in einem strukturellen Konflikt mit den klassischen Normen der Zielkultur steht.